Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Biographie Agrippa II.
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
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Biographie Agrippa II. 435 Während es ihm sonst nicht auf eine Handvoll Worte mehr ankommt, ist er hier sehr vorsichtig und wägt jedes Wort genau ab. Jedenfalls steht das fest, daß Agrippa in Rom bleiben mußte, und man wird 'sich gehütet haben, dem Jüngling diejenige Erziehung zu geben, die für einen zukünftigen Regenten erforderlich war. Sein Vater, der sicherlich darauf gerechnet hatte, daß er seinen Sohn als unmittelbaren Nachfolger für sein ganzes Land haben würde, hatte nach der alten Politik der Herodäer denselben schon in früher Jugend nach Nom geschickt, wo er den für jeden Hofmann erforderlichen Unterricht in der Diplomatie und politischen Achselträgerei erhalten sollte. Der alte Agrippa durchschaute zwar das hohle, eitle Wesen des römischen Kaiserhofes; aber er erkannte ebensowohl, daß seine Dynastie unhaltbar fei ohne ein Anlehnen an den Thron der Cäsaren. Durch diese Erwägung war es allerdings gerechtfertigt, daß er sein Kind in die Hauptstadt der alten Welt sandte, aber nach einer andern Seite hin ist sein Verfahren nicht zu vertheidigen. Er entzog den heranwachsenden Jüngling ganz und gar der eigenen trefflichen Leitung und der gewiß tüchtigen Erziehung seiner edlen und aufopferungsfähigen Gemahlin K y p r o s, und setzte ihn den verderblichen Einflüssen des entsittlichten Rom aus. Die Folgen traten nur zu früh ein. Agrippa II. zeigt niemals die Geistesgröße und sittliche Kraft, die seinen Vater auszeichnete. Er war und blieb sein ganzes Leben lang Augendiener der Kaiser. Durch die geistige Geschmeidigkeit, welche allen Gliedern der herodianisch'en Familie eigen war, und mit Hülfe deren er sich bald in die neuen Verhält» nisse zu finden wußte, und durch körperliche Schönheit, ein Erbgut seiner Ahnin Mariamne, gewann Agrippa schnell das Herz und die Gunst des nrürrischen Greises, der damals den Thron inne hatte. Wie liederlich er auch sonst gelebt haben mag, er war klug genug, überall, wo er konnte, zu Gunsten seiner Glaubensbrüder zu wirken. Was konnte ihn in ein besseres Licht bei den Juden 23*