Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die moderne Cultur und das Judenthum
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 372 (sequence 9)
- Language
- German
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872 Die moderne Cultur und das Judenthum. Übung als eine Thorheit erscheinen müssen und ohne Erfolg bleiben. Das Judenthum, welches sich von 1 einem realen Boden nie entfernt hat, konnte daher auf den sinnlichen Ausdruck des religiösen Gedankens durch das Ceremonialgesetz nicht verzichten. Manche dieser Formen mögen des absolulen Werths entbehren und nicht unter allen Verhältnissen unantastbar sein; aber ein charakteristisches Merkmal des Judenthums bleibt das Ceremonialgesetz und seine Zweckmäßigkeit läßt sich nicht in Abrede stellen. Wo sind die Folgen der neuen Lehre mit ihrer vielversprechenden Moral geblieben? Wo haben sich die Wirkungen des Evangeliums geäußert, das die Sinnlichkeit zu überwinden, sie zu ertödten gebietet, um nur dem Geiste allein zu leben? Neben einer kleinen Anzahl mönchischer Anachoreten, war das Volk 31t allen Zeiten der wildesten Lust ergeben, huldigte dem unmäßigsten Genüße, ״und wenn es das Fleisch ertödtete, so geschah es in dem Uebermaße der Sinnlichkeit." Das sind die Folgen einer ideellen, übermenschlichen Moral, welche sich wohl zu Declamationen eignen mag, aber für das Leben werthlos ist. Das Judenthum war in seinen Anforderungen bescheidener, aber auch glücklicher in seinen Erfolgen, es hat zwar keine so ideale Doctrin erzeugt, seine Bekenner aber zu einem sittlichen und maaßvollen Leben erzogen, wie es den anderen Völkern hätte zum Muster dienen können. Aber auch eine geschichtliche Bedeutung darf das Ceremonialgesetz für sich in Anspruch nehmen, und will man diese erkennen, so braucht man nur auf die Zeit zurückzugehen, welcher es seine Ausbildung verdankt, und die Gegensätze in Betracht zu ziehen, aus denen heraus es sich entwickelte. Als nämlich mit der Unterwerfung des Orients durch Alexander den Großen, die beibeit Väter der modernen Cultur, Hellenismus und Judenthum, mit einander in Berührung kamen, als sich diese beiden grundverschiedenen Weltansichten zum ersten Male näher kennen lernten, und bald darauf im Kampfe auf einander stießen, da trat auch für das Judenthum ein Wendepunkt ein, von dem eine neue Ent- Wicklung ihren Ausgang nahm. Hier standen sich zwei entgegengesetzte und durch eine lange Cultur zur vollen Reife gelangte Weltanschauungen gegenüber, die bewußt oder unbewußt ihre Kräfte maßen, um einen Wettstreit anzutreten, dessen Preis der Besitz der Weltherrschaft sein sollte. Alle einseitigen Vermittlungen wie die alexandrinische Neligionsphilosophie, welche die Resultate beider Culturen dadurch vereinigen zu können glaubte, daß sie durch allegorische Schriftauslegung die philosophischen Systeme des Hellenismus in das Judenthum hinübertrug, mußten, so wohlgemeint sie waren, doch nothwendig scheitern. Das Judenthum in seinem Stamm-