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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1870-01-01 · Heft 8 · p. Seite 371

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
19 (1870)
Issue
Heft 8
Article
Die moderne Cultur und das Judenthum
Date
1870-01-01
Page
Seite 371 (sequence 8)
Language
German
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Die moderne Cultur und das Judenthum. 371 christlichen Neligionsquellen als unbedingte Forderung aufftetten, einer Moral, die von dem Bekenner jener-Religion Unmögliches verlangte, mit der er sich daher auf jeden! Schritte int Widerspruche fand, die ihm immer etwas Aeußerliches, Fremdes weil Unerreichbares blieb und auf die Ausbildung seines moralischen Charakters keinen Einfluß gewann. So entbehrte das tägliche Leben des Volks jeder höheren Weihe und das religiöse Bedürfnis; des Menschen fand nur im kirchlichen Gottesdienste seine Befriedigung. Dieser ist daher die alleinige Zuflucht für alle Neligions- Äußerung geworden, das kirchliche Leben hat sich zum Kirchen leben ausgebildet; und so hat sich allmälig ein klaffender Widerspruch entwickelt zwischen dem rein geistigen, spiritualistischen Charakter der christlichen Lehre und dem materiellen, ungezügelten Leben des Volkes. Das ist der Urspruna jener heuchlerischen Frömmigkeit, welche in dem augenverdrehenden Pietismus zu Tage tritt und dem modernen Gefühle so widerwärtig erscheint. Das Judenthum hat sich von solche krankhaften Erscheinungen stets frei zu halten gewußt, obschon es an religiöser Innigkeit von keiner anderen Religion übertroffen wird. Und gerade dem vielgeschmähten Ceremonialgesetze haben wir diesen erfreulichen Unrstand zun: großen Theile zu verdanken. Die jüd isch e Moral hatte es immer nur mit realen und erreichbaren Zielen zu thun und des;halb ist sie auch mehr in's Volk gedrungen, sie hat sich nicht mit der Aufstellung von Idealen: begnügt, sondern wußte diese den wirklichen Verhältnissen gemäß zu modificiren. Das Judenthum mit seiner tiefen Erkenntnis; der menschlichen Natur war sich der Nothwendigkeit bewußt, auch den Anforderungen unserer Sinnlichkeit Rechnung zu tragen und hat eine Vermittlung zwischen den: sensuellen und spiritualen Wesen des Menschen angestrebt. Wir huldigen daher, um den Heine'schen Ausdruck zu gebrauchen, ebensowenig dem reinen Nazarenerthum, als den: absoluten Hellenismus. Himmelnde Andächtelei ist dem Geiste des Judenthums frenid geblieben, weil wir den Schwerpunkt der religiösen Uebung nie einzig und allein in das Gotteshaus verlegt haben. Die Religion der Juden sollte auch in: täglichen Leben zum Ausdruck konunen, sollte seine Handlungen durchdringen und in der Familie ihren Tempel aufschlagen. Sie hat sich daher in reale Formen gekleidet, um nicht in ungreifbarer Gestalt wie ein Luftgebilde zu verschwinden. So lange die Sinnlichkeit dem Menschen das Irdische als das Gebiet anweist, auf dem er seine Wirksamkeit zu entfaften hat, so lange wird der Versuch einer reingeistige!:, aller sinnlichen Form entkleideten Neligions- 24*

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