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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1870-01-01 · Heft 8 · p. Seite 370

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
19 (1870)
Issue
Heft 8
Article
Die moderne Cultur und das Judenthum
Date
1870-01-01
Page
Seite 370 (sequence 7)
Language
German
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370 Die moderne Eultur und das Judenthum. religiöse Lehrer ihre Wurzeln im Gefühle haben und der logischen Vegründung entbehren können. Nun enthält der Schleiermacher'sehe Satz allerdings eine tiefe Wahrheit und hat das Verdienst, das Princip jeder vernünftigen Neligionsbetrachtung zllm ersten Male mit großer Schärfe ausgesprochen zu haben. Wir dürfen uns seiner jedoch nicht als Vehikel bedienen, um jeden Einspruch des Denkens zurückzuweisen und unterschiedslos die vern'.mstwidrigsten Glaubenssätze zu rechtfertigen. Sonst würdigen wir ihn herab zu jenem vernunfth öhnenden und glaubenstrotzigen Ausspräche Tertullian's: Credo, quia absurdum est. Dann ließe sich diese Theorie ebensogut für die Beschönigung des Molochdienstes und der greuelhaftesten Neligionsübungen verwenden. Das Gefühl fautt vielmehr nur solche Neligiouslehren durch seine Autorität rechtfertigen, welche ein wirklich vorhandenes Bedürfnis; unseres Gemüths zu befriedigen suchen, deren Inhalt geeignet ist, t>cm der Menschennatur eigenthümlichen Drang nach Erkenntnis;, welcher inr diskursiven Denken keine Beruhigung zu sinden vermag, gerecht zu werden. Sätze aber, die zu diesem menschlichen Gefühle in gar keinen: Verhältnisse stehen und nur mit den: Gedächtnisse erfaßt werden, als Glaubenssätze aufzunehmen, widerspricht jenem Neligionsprincipe und kann bei logischem Denken in ihm feine Stütze finden. ״Religion, sagt der Verfasser, nenne ich die inr Leben ausgeprägte Lehre, die sich im Verhältnisse zu Gott in Verehrung, in: Verhältnis; zu den Menschen durch strenge Befolgung geheißener Sittengesetze darstellt." Er fährt dann, sicherlich nicht frei von Uebertreibung, aber dennoch nicht ganz unzutreffend fort: ״Die andere Sekte hat es nie zur Religion gebracht; ihre Lehre ist aus den Büchern und dem Munde ihrer Geistlichen nie allgemeine That geworden. Du müßtest denn die Englischen ilnd Schottischen Puritaner nennen, die durchaus von jüdischen Principien ausgingen. Einzelne Bekenner hat sie gehabt; das Volk hat noch heute von dieser Lehre Nichts als den Namen. Dagegen ist es der Geistlichkeit geglückt, eine äußerliche, höchst künstliche Herrschaft der Gewissen, oder wenigstens der bürgerlichen Gesellschaft zu begründen, und das ist es, was ich Kirche nenne!" Und woran liegt es, daß die Kirche trotz der gewaltigen Macht, welche sie in ihrer Hand zu vereinigen wußte, dennoch das Leben und die Gesinnungen des Volks inr Ganzen so wenig zu beeinflußen vermvcht hat, daß es ihr wohl gelungen ist, zuweilen seine wilde Leidenschaft aufzustacheln, nirgends aber seine Sittlichkeit dauernd zu heben? Der Grund hiervon ist in der überspannten Moral zu suchen, welche die

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