Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die moderne Cultur und das Judenthum
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 6)
- Language
- German
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Die moderne Cullur und das Judenthum. 369 jungen Missionairs zusammenbrechen, der hier als Vertreter jener glaubenslosen Anhänger der christlichen Eulturaufgabe erscheint. Schon beim ersten Eintritte in das Haus seines Oheims sieht der Jüngling sich genöthigt, die von ihm gehegten Ansichten über Juden und Judenthum zu modificiren. ״Vor Allein mein Vater" schreibt er in einem Briefe ״dieses Volk ist besser, als es scheint. Ich selbst, obgleich Einer ihres Stammes, wie hatte mich das Vorurtheil geblendet. Mein erster Religionsunterricht im Christenthum verknüpft sich mit der Brandmarkung dieser Verstoßenen. Die Juden hatten die ungeheuerste That gethan, und darum heftete sich der Fluch des Unheils und der Sünde an ihre Sohlen. — Ich lernte früh mit ihrem Namen die Begriffe von Niederträchtigkeit und Habgier verbinden und gewöhnte mich allmälig, aufgebläht durch ein glücklicheres Geschick, dieses Volk als eine Art Aahoo zu betrachten, die elende Carrikatur des göttlichen Ebenbildes." Er muß anerkennen, daß namentlich die ärmere Klasse unter den Jude::, die er beim Rabbi aus- und eingehen sieht, auf einer viel höheren Stufe der Sittlichkeit steht, als seine unter beit gleichen Verhältnissen lebenden christlichen Glaubensgenossen. ״Jetzt verstehe ich, warum es unter den Juden trotz aller Armuth keine Proletarier giebt. Bei uns unterscheidet nicht nur der Unterschied der intellectuellen, sondern auch der moralischen Bildung die höheren von den niederen Klassen, weil nur diese auf jener beruht. Unsere feineren Sitten bewahren uns wie das Sicherheitsnetz die Lampe des Grubenarbeiters vor der Rohheit des Pöbels, unsere wissenschaftliche Erkenntniß läßt uns die Laster meiden, weil wir ihre unausbleiblichen Folgen kennen. — Bei den Juden giebt es wohl einen Unterschied in intellectueller Beziehung aber nicht in moralischer. Der gewöhnliche Schnorrer steht auf derselben Stufe der Frömmigkeit und Sittlichkeit wie der reiche Kaufmann, dessen Hand dem Darbenden stets geöffnet ist, ja der arme Handelsmann übertrifst ihn gewöhnlich in pünktlicher Beobachtung aller religiösen Vorschriften." Je tiefer der Rabbi auf die Erörterung seines jüdischen Standpunktes eingeht, desto mehr verschwinden die Seifenblasen der christlichen Dogmatik, welche sich ihrer Unverträglichkeit mit den: menschlichen Erkemrtnißvermögen wohl bewußt ist und auf diesen Widerspruch fast zu trotzen scheint. Wie bat sich jene moderne Richtung, welche den Buchstabenglauben aufgegeben und dennoch gewisse Grundlagen ihrer Religionsanschauung nicht verwerfen darf, zu diesen Glaubenssätzen gestellt? Man hat es versucht, sie mit der von Schleiermacher aufgestellten Theorie zu decken, nach welcher Frankel, Monatsschrift. XIX. 8. 24