Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die moderne Cultur und das Judenthum
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 366 (sequence 3)
- Language
- German
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366 Die moderne Cultur und das Judenthum. Factvr unserer Culturentwicklung darzustellen; nur dann kann es ihm gelingen, die Ansichten des urtheilsfähigen Publikums in wesentlichen Punkten zu berichtigten und umzugestalten. Daß eine Darstellung des Judenthums nun von solchen Gesichtspunkten aus mit ganz besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, muß Jedem einleuchten, der die geringschätzigen Urtheile kennt, welche in sonst beachtenswecthen Kreisen über dasselbe gefällt zu werden pflegen. Eine Berichtigung derselben findet bei dem gebildeten nichtjüdischen Publikum um so schwerer Eingang, als der allgemein verbreitete Jrrthum in gewissen: Sinne mehr in einem Herzensbedürfnisse als in falscher Erkenntnis seinen Ursprung hat. Mer sich von den Bewegungen innerhalb des Christenthums Rechenschaft zu geben versucht, dem kann es nicht entgehen, daß es gerade die aufgeklärtesten und an Bildung hervorragendsten Männer sind, welche, nachdem sie mit der dogmatischen Seite ihres Glaubens so gut wie gebrochen haben, sich an der Moral und dem vorgeblichen Cultureinflusse des Christenthums mit einer Hartnäckigkeit anklammern, wie sie nur das Bedürfniß, ihr durch die Geschichte überkonunenes und durch Erziehung angeeignetes Bekenntniß zu retten, erklärlich macht. Selbstverstündlich muß dann das Judenthum ebensosehr herabgesetzt werden, als man das Christeuthum zu heben beabsichtigt, um so das neue von den: Christenthum erzeugte Eulturelement desto deutlicher hervortreten zu lassen. Daher kommt es, das; die den liberaleren Anschauungen huldigende Partei innerhalb des Christenthums bei aller Gerechtigkeit gegen die Rechts anspräche der Juden dem alten Testamente und dem Geiste des Judenthums oft die herbsten und ob ihrer Unwahrheit erstaunlichsten Vorwürfe macht, während die sogenannte rechtgläubige Partei, welche in ihrem Christenthume noch etwas Anderes als einen Culturfortschritt erblickt, dem alten Judenthume und seiner Litteratur mit größerer Liebe zugethan ist. Diejenigen christlichen Exegeten z. B., welche sich um die Erforschung des alten Testaments wahrhafte Verdienste erworben haben, die Ewald, Delitzsch u. A. gehören fast ausschließlich der strenggläubigen Richtung an. Nicht minder jedoch stand einer gerechten Würdigung des Judenthums bisher die seltsame Ansicht entgegen, welche über das jüdische Ceremonialgesetz verbreitet ist. Daß christliche Kreise für diese Seite des Judenthmns kein Verständnis; zeigen, mag in dem hergebrachten Urtheile, das sie aus ihren Religionsquellen über das Ceremonialgesetz schöpfen, und zum Theile auch in den: spiritualistischen Charakter des Christenthums feinen Grund haben. Bedauerlicher ist es, wenn auch jüdischerseits derartige Vorurtheile