Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Die moderne Cultur und das Judenthum
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 365 (sequence 2)
- Language
- German
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Die moderne Cultur und das Judenthum. 365 durch die Weihe von Jahrtausenden geheiligten Erscheinungen und Jnstitutionen sich vornehm auf sich selbst zurückzuziehen und dem kritischen Forscherauge des in jugendlichem Uebermuthe einherschreitenden Zeitgeistes mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Unsere moderne Cultur hat durch die gewaltigen Errungenschaften, welche sie auf allen Gebieten geistiger Arbeit aufzuweisen vermag, so sehr an Muth und Zuversicht gewonnen, das; sie die Anerkennung des in ihr waltenden Geistes mit unerbittlicher Strenge fordert und dessen Abweisung mit ihrem vernichtenden Spotte vergilt. Sie wacht' mit solcher Eifersucht über ihren Einstich und über die auf ihrem Siegeszuge so rasch erlangte Geistesherrschaft, daß sie die Möglichkeit einer außerhalb ihres Bereiches liegenden Geistesrichtung rundweg in Abrede stellt und jeden Versuch ihrer Gewalt zu trotzen in empfindlichster Weise zu rächen bemüht ist. Will man vor dem Nichterstuhle dieser unduldsamen Tyrannin Gnade finden, so muß man vorher die Berechtigung seiner Existenz und die Verträglichkeit seiner Bestrebungen mit ihren Anforderungen nachzuweisen verstehen, muß sich mit ihr erst auseinandersetzen und mit ihrem Geiste zu versöhnen suchen, um dann seinerseits vielleicht auch auf sie zurückwirken zu können. Was nützt es den moderum Bestrebungen auf der einen Seite schroff gegenüberzutreten, wenn wir auf der anderen nicht umhin können, ihnen unsere uneingeschränkte Zustimmung zu geben und die Gerechtigkeit ihrer Ansprüche anzuerkennen? Nur derjenige, welcher vor der Donquixollrie nicht zurückschreckt, sich mit unserer ganzen Cultur in Widerspruch zu setzen, kann es wagen seinen eigenen Gang zu gehen, unbekümmert um das Urtheil des modernen Geistes und seiner competenten Zeitgenossen. Wir sehen daher auf allen Gebieten menschlicher Thätigkeit die besten Kräfte sich bemühen, ihre Bestrebungen vor dem Zeitbewußtsein zu rechtfertigen und den Nachweis zu führen, daß die von ihnen vertretenen Anschammgen auf der Höhe unserer Culturbewegung stehen. Natürlich erfordert ein solches Untermehmen keineswegs die unbedingte Anerkennung dessen, was einzelne einflußreiche Wortführer als die nothwendigen Anforderungen unseres Zeitgeistes aufstellen. Denn in vielen Fällen ist's nur der Herren eigener Geist, den sie als Zeitgeist proclamiren, und wer den aus den verschiedenen Lagern herübertönenden Stimmen Gehör schenken wollte, würde oft die entgegengesetztesten Ansichten über denselben vernehmen. Allein wer auf die Richtung unserer Zeitbewegung Einfluß ge- Winnen witt, muß jedenfalls von den; Bestreben ausgehen, seinen Stand- Punkt den modernen Anschauungen anzupassen und ihn als berechtigten