Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Das Erdbeben in den Tagen Usia's
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
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292 Das Erdbeben in den Tagen Usia's. teristischen Züge dieser naturkräftigen Dichtung durch verschwommene Megorese gänzlich verwischt. Allein wie die Reden des Propheten Joel nur dann ihrem Wortsiune und Inhalte nach richtig verstandennverden, wenn man die darin enthaltene Schildenmg der furchtbaren Heuschrecken- Verheerung nicht als bloße Allegorie faßt, sondern als eine zur Zeit des Propheten wirklich eingetretene Calamität, welche der Prophet zum Ausgangspunkt seiner Mahn- und Bußreden nimmt *), so erschließt sich das genaue literale Verständniß der prophetischeu Reden des Amo s nur dann, wenn man den Hintergrund seiner mit Naturtreue gezeichneten Gemälde, das hereinbrechende gewaltige Erdbeben, niemals bei der exegetischen Darlegung aus dem Auge verliert. Ja, wir gehen wohl nicht zu weit, wenn wir sagen: Den Gottesruf, den Joel in seinem Innern vernahm, da die Heuschreckenschwärme sich anmeldeten, hörte Amos, dieser Sohn der Natur, hinter den Heerden auf Thekoa's Weide- Plätzen in dem Erzittern des Erdbodens unter seinen Füßen, in dem unterirdischen Rollen und donnerähnlichen Tosen, das er auf seinen stillen Triften unter den Schauern erhabener Wüsteneinsamkeit mit seinein für die Sprache der Natur besonders geschärften Ohr 2) viel eindringlicher als andere Menschenkinder ') Der Auffassung, das; eine Heimsuchung des Landes von Heuschrecken das Motiv der Joel'schen Reden war, wird sich heute keine gesunde Exegesc mehr verschließen. Daß Hcngstenberg (Christol. I, 341 u. f.) die alte allegorische Deutung, die mit den Kirchenvätern unter den vier Heuschreckenschwärmen die vier Weltreiche (chaldäische, medopersische, syrisch-griechische, römische) versteht, wieder entschieden vcrtheidigt, widerspricht dem Gesagten nicht. s) Der Hauch der Natur, den Amos aus seinen Triften eingesogen, weht aus allen seinen Reden entgegen, seine meisten Bilder sind dem Landleben entnommen. Hierfür Beispiele anzuführen, ist bei der Menge der in jedem Kapitel sich darbietenden überflüssig: die diesbezügliche Bemerkung des Hieronymus sei hier wiedergegcben: ״Naturale est, ut omnos artifices suae artis loquantur exemplis, et unusquisque in quo Studio trivit aetatem, illius similitudinem profcrat etc. Cur liaec dicta sunt? Ut scilicet