Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Das Gottvertrauen der Anawim in den Stürmen unserer Zeit
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Gottvcrtrauen der Anawim in den Stürmen unserer Zeit. 115 verstehen, so stark auch ihre Sympathien für ihre Stammes- und Leidensgenossen sein mögen, ja, je inniger und lebendiger sie sich mit ihrer Geschichte, mit der! Traditionen ihrer Väter und den Leiden ihrer Brüder verwachsen fühlen, dürfen sich daher nur, um der allgemeinen Weltregeneration durch die Wissenschaft in jedem Momente theilhaftig zu werden und sich ihrer würdig zu zeigen, um, mit anderen Worten, nicht hinter den Besten ihrer Zeit zurück zu bleiben, ohne alle vorgefaßte Meinung dem verjungenden Strome überlassen, der die modernen Culturvölker ans der alten in eine neue, noch unbekannte Welt führt. Wenn sie ihr Vertrauet: zum Gotte, der die Herzen lenkt, ihren prophetischeu Geschichtsglauben treu bewahrt haben, so werden sie in den stürmischen Wogen der modernen Weltbeivegung nicht das Chaos, nicht den Abgrund erblicken, aus dem man sich durch das Anklammern irgend eines Stückes alter Gesellschaft retten muß, werden sie sich auch keine selbstgemachten neuen Götzen fabriciren und ihren Brüdern zurufen אלה אלהיך ישראל, sondern werden sie getrost mit den fortgeschrittensten Völkern und Parteien unserer Zeit gehen, in dem festen Glauben — den einzigen, der heute noch berechtigt, und selbst von den Ungläubigsten anerkannt ist — daß die wissenschaftliche Wahrheit und ihre Verwirklichung nicht im Widerspruche mit Dem stehen kann, was in den Ver- Heißungen der Gerechten und Anspruchlosen (צדיקים und ענוים), die unfern Geschichtscultus gegründet haben, Wahres und Großes enthalten sein konnte. So wird ihr jüdischer Patriotismus und ihre Pietät nie in Conflikt gerathen mit einer neuen Welt, zu deren Gründung sie im Gegentheil das Ihrige in reichem Maße beitragen können, ohne ihrem Geschichtscultus untreu zu werden, mit einer Welt, in deren Mitte sie sich heimischer ftihlen werden, als in der Umgebung jener götzendienerischen Juden, die noch nicht ausgestorben sind, die stets nur den הבל ihrer Zeit, die schlechten חוקות המים nachgeäfft, ihre eigenen Propheten verfolgt, ihre Anspruchlosen geknechtet, ihre Gerechten verspottet haben, und die am Tage des Gerichts mitsammt ihren eitlen Götzen aus der Welt verschwinden werden. Es ist, gelinde ansgedrückt, eine unverzeihliche Schwäche, wenn Diejenigen, die als Vorkämpfer oder Vertheidiger des Judenthums und der Juden auftreten. Alles beschönigen wollen.