Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 516 (sequence 9)
- Language
- German
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516 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart Fassen wir also den Begriff der Orthodoxie nicht zu eng, schließen wir aber von der StimmberechLigung aus, die das Am-haarez und auch die Desjenigen, der da ״st e i f" lernt, nur citiren kann, was da steht, durch plumpe Schwerkraft auf die Seite des מחמיר fällt, weil er keine Elasticitat besitzt, weil er keinen ״Steiger" hat oder weiß. Was ist das nun? Es ist nicht Geistesfreiheit und Selbstständigkeit, denn die kann man auf weiteres läßt er sich nicht ein. Hier spricht nun Jemand den Saß aus: ״die הלכה ist oder bleibt, Samuel hat bas B. d. R. geschrieben" (denn das soll doch behauptet sein, oder es ist gar nichts dabei gedacht), darüber sagen auch wir einfach 661a uo 86 dit pas; wer nicht hört oder fühlt, das; man das nicht sagen kann, der kann im Talmud lesen, aber לא שנה ולא שימש. Unsere Alten aber wußten sich noch bedeutend kürzer auszudrücken, als der Franzose. Zu solch unreifem (תלמיד שלא שימש כל צרכו) Gefasel hätten sie einfach gesagt: ״Schal" d. h. ״geh, sei ein guter Jude, thne, was Du vor Dir gesehen hast, sage (bete) was Du weißt, wenn Du auch leider nicht immer weißt, was Du sagst, sage Deinen פרק משניות, raisonnire auch, wenn es Dir Vergnügen macht, aber scha! rede nicht mit, wo Du nicht verstehst". In umgekehrter Weise benutzte man vor 20—30 Jahren allerlei gelesene und aufgeklaubte Sätze (z. B. כל הכופר בע״ז כקרא יהודי) um extravagante Neformvorschläge darauf All stützen; jetzt möchte man ״orthodoxen" Unsinn daraus ableiten. — Beiläufig gesagt, wird das auch der Sinn des Satzes sein: הקורא בלא כעיניה והשונר, כלא ומרה, der sonst, wegen des Nachsatzes ע״הא וגם אני כתתי להם הקים לא מוכית, buchstäblich aufgefaßt, unerklärlich wäre. Er will sagen: Wer da ohne das richtige Verständniß liest oder lernt, der verdreht oder entstellt den Sinn vernünftigster Aussprüche. Der Jude sagt zwar noch heute: ״es kommt auf ben ניגון an". Dieser aber steht eben nicht im Buche zu les en! Und wenn nun aus der geschriebenen Erklärung auch hervorgeht, was als Frage oder Antwort, כתמיהא oder בניחותא Zn betonen ist, so steht doch von dem lebendigen Ausdruck der mündlichen Mittheilung und all ihren unsagbaren und unfaßbaren Vehikeln des richtigen Verständnisses und der fachgerechten Auslegung nichts im Buche. — Wer so gelernt hat, so weiß und versteht, der besitzt auch jenen Takt, jenes Gefühl, jene Klugheit (wo תורה da הכמה), welche heutzutage hundert Fragen entscheiden, über die ein דין oder פסק m keinem Buche steht, bei denen auch das מבין דבר מחוך דבר ,מדמדו מלח א למלתא uns im Stiche läßt (weil מלתא und דבר selbst fehlen) oder irre führen könnte ohne jenen Takt — entscheiden להקלא wie לאסור ,להחמיר wie להתר. Dafür läßt man wiederum manche andern Dinge ruhig stehen. Man ist dann unter׳ keinen Umstünden מלעיג על דברי חכמים, macht sie aber auch nicht durch den eigenen Unverstand ללעג.