Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 514 (sequence 7)
- Language
- German
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514 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart in Spanien für alle Zeit festgestellt sei? Wollten wir unser Urtheil von solchen Dingen abhängig machen, so müßten wir genaue Datumangabe beifügen; heut weist der Katholik triumphirend auf die Gründung eines Klosters hin, morgen ruft man ihm höhnisch zu, es sei gestürmt worden. Nein, nicht Negation, nicht Atheismus, nicht Namen-Christenthum und nicht lutherische Orthodoxie vermögen den Bestand des Katholicismus zu erschüttern, nur das Judenthum, das echte und ganze Judenthum vermag, heut wie in dem ganzen Laufe der Jahrhunderte, ihm gegenüber feste Stellung zu behaupten. (Etwas Weiteres, ein Vorgehen, Angreifen, liegt der ganzen Anlage nach dem Judenthum fern.) Da steht Positives gegen Positives, Glaube gegen Glaube, Schrift gegen Schrift, Gesetz gegen Gesetz, Tradition gegen Tradition, Autoritat gegen Autorität. Wie sie einander gegenüber stehen — das braucht hier nicht gesagt zu werden. Das Jndenthum aber, welches seinerseits mit Schrift, Gesetz, Tradition und Autorität gebrochen hat, nützt in der gegenwärtigen Lage der Tinge nur den Gegnern, und zwar gar sehr, gefährdet sich und uns alle zumal; beides selbst ohne eigenes Zuthuu, denn das Geschrei über die ״Judenpresse" ist ja grundlos. Doch abgesehen von den (freilich ungeheuer erheblichen) Rücksichten ans Nutzen und Schaden, dies Judenthum wirft kein Monient in die Wagschale des Kampfes und vermag nicht einmal als Zänglein au derselben zu dienen. Wie steht also das Judenthum, das ganze und echte, das ״orthodoxe", wenn nran nicht anders will. Zu den religiösen Bewegungen der Gegenwart? Es hat von dem Siege der kirchlichen Orthodoxie alles zu fürchten, von einem Siege der Gegner derselben nichts zu hoffen; verstehen wir aber unter den Gegnern die extremen, so müssen wir gar den Satz umkehreu. Wir möchten wohl neutral bleiben, ״in unsere Kammer gehen, nach Jesaias' Worte, und uns verborgen halten, bis vorüber der Sturm;" aber wir leben nicht mehr, wie unsere Vorfahren im 16. Jahrh., abgeschloffen, sind einmal an das Feld des Krieges nahe heran -getreten, er ist in unsere eigene Mitte gedrungen; sorgen wir für Eins, daß nicht unsere eigenen Leute die Feldzeichen verkennen und sich im Getümmel gegen uns wenden.