Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 512 (sequence 5)
- Language
- German
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512 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart überlieferte Auslegung doch ganz andern Anspruch auf Autorität, und Concilienbeschlüsse doch ganz anderes Gewicht, als die Verordnungen eines nach gerade herrschender Richtung besetzten Consistoriunls; wenn symbolische Bücher, deren Ursprung Jeder kennt, unanfechtbare Geltung haben sollen, so verdienen Dekretale, deren Entstehung wenigstens in einen gewissen Nebel sich hüllen läßt, den Vorzug; und wenn die Kirche doch schon einmal ein sichtbares Oberhaupt und einen obersten Bischof haben soll, dann immerhin Denjenigen, der wenigstens von sich sagen kann, daß er der legitime Nachfolger des Apostelfürsten sei, und der, umgeben von seinenr Collegium, doch unbedingt, und wie von protestantischer Seite selbst hundertfach betont wird, ganz anders dasteht, als ein Dorfpastor, oder auch ein Superintendent, welcher sich als Papst gerirt. Rom fürchtet weder die Linke, noch die Rechte im Protestant tismus; sein mächtiger Gegner ist der protestirende, gegen jede, besonders gegen geistige und geistliche Vergewaltigung sich erhebende Geist des gernranischen Volkes, jener Geist, mit dem wir uns innig befreundet und verwandt (wenn auch nicht ״stammverwandt") fühlen, ja wissen; aber in diesem Zusammenhänge haben wir es nicht mit ״Geist" zu thun, sondern mit Parteien, und die in diesem Geiste geleitete, handelnde, organisirte Partei suchen wir auf dem Plane vergebens. Oder sollte sie im ״Protestantenverein" verkörpert sein? In gewisser Beziehung ja! Das Wesen des Protestantenvereins entspricht ganz seinem Namen, er protestirt und opponirt, macht echt germanisch gegen jedes gebieterisch austretende Bekenntniß oder geistige Streben Front. Aber kann ein solches Opponiren, kann eine Richtung, deren Positives allein im Negiren besteht, das Programm einer festen, bleibenden Partei bilden? Es einigt sie ja nur pro tompors der Kampf gegen den gemeinsamen Feind, ruht dieser einen Augenblick, so stäubt sie auseinander, und ״jeder geht in sein Zelt". Speciell, was vermag diese Partei gegen Rom? Wenn sie sagt: ״wir wollen keinerlei Auffassung des Christenthums als allein berechtigt gelten lassen, bestreiten daher auch nicht die orthodoxe, lassen auch diese zu Recht bestehen" — so acceptirt Rom das Letztere bestens und hofft, daß man ihm nicht ferner aggressiv entgegen treten werde. Wenn man sodann bekennt: ״wir glau-