Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 510 (sequence 3)
- Language
- German
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510 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart so zu neunen pflegt, ist gleichwohl der Punkt, den wir hier zu beleuchten haben; wir müssen uns gegen den Rückschlag sichern, welcher sich gegen jene vorbereitet, ja schon vollzieht, müssen (um es in vulgaren: aber süßlichen: Bilde zu bezeichnen) dafür sorgen, daß von den Streichen, die in jenem Kampfe fallen, nicht allzuviele uns treffen. Dazu ist vorab nöthig, Katholicismns und Protestantismus, ultrainontane und evangelisch-kirchenregimentliche Bestrebungen zu sondern und über beide in ihren: Verhältniß zu einander ein unparteiisches Urtheil zu gewinnen. Die nöthige Unbefangenheit fehlt uns ja nicht. Die Katholiken reden von der Zersetzung des Protestantismus. Wir glauben: mit Recht! D. h. nicht als ob, wie jene hoffen, das protestantische Volk zum Katholicismns übertreten werde, oder als ob in ihm die Abneigung gegen Rom geringer geworden sei; aber die protestantische Kirche als solche zersetzt sich, und das ist natürlich dein Gegner ein Gewinn. Eit: großer Theil der deutschen Protestanten steht faktisch außerhalb des Christenthums, ein anderer außerhalb der Kirche, wie sie jetzt besteht, und sieht einer Neugestaltung derselben entgegen. Die Orthodoxen aber stehen dem Katholicisinus ganz nahe, und nur weil sie auf Dogmen versessen sind, und weil Rom kein Entgegenkommen kennt, ist an eine wirkliche Vereinigung nicht zu denken. Während ferner der Ultramontanismus eine imposante Zahl zuverlässiger Anhänger in allen Schichten der katholischen Bevölkerung hat, steht die orthodox-kirchliche Richtung in: Protestantismus auf unterhöhltem Boden, hat gar keinen eigenen Boden. Nur ein verschwindender Bruchtheil des protestantischen Volkes (worunter wir freilich nicht die ganz urtheilslose Menge verstehen), auch derjenigen, welche Religion und Christenthun: wollen, geht mit seiner orthodoxen Geistlichkeit, mit seinem Kirchenregimente. Diese werden nur von der weltlichen Macht getragen. Wenn etwa in Preußen ein Regierungs-, d. h. durchgreifender Systemwechsel, ein entschiedenes Lossageu von dem Raumer- Mühler'schen Regiment herbeiführte, so würde dieses in sich zusammenfallen. Ein Theil der Führer würde schnell Kehrt mache::, die anderen quiescirt man, eine Armee aber ist nicht vorhanden. Unnütz zu fragen, ob und wann der Vordersatz ein-