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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 10 · p. Seite 455

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 10
Article
Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
Date
1869-01-01
Page
Seite 455 (sequence 5)
Language
German
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und das Judenthum. 455 so oft Reaktion und Restauration ihr Haupt erhoben, wurde gegen Religion und Kirche tief und ingrimmig gekämpft. Man haßt die Religion und alle ihre Ausflüsse, weil man in ihr Amme und Magd des Absolutismus und Feudalismus erkennt; man sieht in jedem Gläubigen einen Heuchler, weil es so leicht ist, selbstsüchtige Motive zu entdecken, oder einen Dummkopf, weil es allerdings unbegreiflich ist, daß ein vernünftiger Mensch lieber Knecht als frei sein möchte. Man bekennt sich zu dem Paradoxesten, nur nur Hierarchie und Bureaukratie zu ärgern oder zu schädigen, man haßt jede religiöse Institution, weil und wenn sie von oben gefördert oder gar befohlen wird?) Klar ist nun auch, daß und weshalb in Deutschland, besonders seit den vierziger Jahren, die antireligiöse Bewegung ruckweise immer stärker wurde; in Deutschland, wo so unendlich viel Schutt von dem Boden des ersehnten staatlichen Neubaues wegzuräumen war, wo die Kritik an alle Verhältnisse gelegt werden mußte, wo jeder Duodezfürst sein Duodezpäpstlein und seine Hoftheologie hatte, um seine angestammte Herrlichkeit zu festigen; in Deutschland, wo der Idealismus, die Ideologie vielmehr, der politischen Kräftigung so tiefe Schäden beigebracht hatte, daß es kein Wunder ist, wenn man kopfüber sich in den Realismus zu stürzen für gut fand und die religiösen Ideen mit ausschüttete, wenn man mit der Rückkehr zur gesunden Natürlichkeit auch die Religion der rohen Natürlichkeit, den Materialismus, feiert und mit der ״Berechtigung des nationalen Egoismus" auch die Berechtigung des individuellen Egoismus gelten läßt. Ganz anders, und wieder unsere Sätze bestätigend, in England. Dort sind kirchliche Reformation und politische Revolution ziemlich Hand in Hand gegangen, und seit die Burg der bürger- ') Ein Beispiel statt vieler. Als Friedr. Wilh. IV die Sonntagsheiligung polizeilich erhöhen wollte, da war des Schottens und Spottens kein Ende. Als dann, mitten im Freiheitssturm, und als die Zeitung unentbehrlich wie das FriihstückSbrod geworden war, die politischen Blätter erklärten, daß sie Sonntags nicht mehr arbeiten würden, da fand das Jeder in Ordnung, oder fügte sich doch alsbald. So kämpft jetzt ein Stand nach dem andern für Gewinnung einer Sonntagsruhe: der radicalste Feind der Religion hat nichts dagegen.

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