Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 10 · p. Seite 454

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 10
Article
Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
Date
1869-01-01
Page
Seite 454 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829374-2829385-2864702--12330-2864742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

454 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart Kampf gegen die geistliche Autorität früher ausgenommen und mit schärferen Waffen geführt wurde, als der gegen den Staat und die Staatsgewalt, ist aus inneren und äußeren Gründen natürlich. Aber ebenso klar ist es und ebenso bekannt, daß jeder gegen die Kirchenlehre geführte Streich gleichzeitig gegen das politische System ge zielt war, und daß daher ״Thron und Altar" sich ihrer Solidarität in diesem Kampfe längst bewußt geworden sind. Besonders seit dem Auftreten der französischen Schule ist es so zu sagen handgreiflich, was man eigentlich erstrebte, daß die Religion nur darum zur Zielscheibe der maß- und sinnlosesten Angriffe gemacht wurde, weil sie den Absolutismus so lange gestützt hatte. Man schlug auf die Kirche und ineinte den Staat Ludwig's XIV; ״es sollte straucheln der Helfer und fallen der Geholfene." Hat Voltaire gesagt ״äorasons l’infame,“ so hat er wahrlich nicht eigentlich die Religion oder auch nur die Kirche gemeint, denn ohne den Henkerarin des Staates hätte er diese nicht gefürchtet, also auch nicht gehaßt. Daß man ihn wegen politischer Satyre in die Bastille gesperrt, und daß ein Rohan ihn durch Bediente hatte prügeln lassen, das machte ihn giftig; hätte man nur seine englischen Briefe verbrannt, so wäre er schlau genug gewesen, sich über den Eclat zu freuen, erbittert hätte ihn das nicht. Ob er auch gesagt hat: es wird nicht eher gut werden, als bis man den letzten Fürsten mit den Gedärmen des letzten Priesters erwürgt haben wird, oder ob der Ausspruch apokryph ist, wissen wir nicht; seine Gesinnungsgenossen aber haben den Satz: damit die Welt frei und glücklich werde, muß der Atheismus herrschend werden, oft und bestimmt genug ausgesprochen. Nun ist heutzutage zwar nicht viel mehr von Voltaire die Rede, aber, wie Dubois Rehmond kürzlich mit Recht gesagt hat, nur darum nicht, weil seine Ansichten in den Jdeenkreis eines großen Theiles der gebildeten Welt eingedrungen sind. Wir setzen hinzu: sein Standpunkt wird erst dann ein vollständig überwundener sein, wenn jede Solidarität zwischen Staatsgewalt und Religionsgemeinde aufgehört haben wird. Jeder, der die neueste Geschichte kennt, weiß, wie die Phasen des Entwickelungsganges diese Sätze bestätigen. So oft der Kampf auf politischem Gebiete heftiger entbrannte, und die Freiheit Siege errang, wurde auf dem religiösen Felde Waffenstillstand geschlossen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.