Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 453 (sequence 3)
- Language
- German
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und das Judenthum. 453 riffelte Faden der Reformation durch Cartesms, Locke und Thomasius wieder ausgenommen tourde, da war es wieder derselbe Gedanke der Geltung des Ich, welcher das Ferment der geistigen Bewegung in Religion, Politik, Philosophie, Poesie bildete, und er ist es geblieben bis aus biefeu Tag. Individuelle Freiheit contra überlieferte Autorität, das ist das Rubrum des gesammten geschichtlichen Prozesses in der ganzen neueren Zeit. Daß der eben das Princip der individuellen Freiheit; so hat dieses charakteristische Merkmal des germanischen Volksgeistes bereits Taeitus mit stauuenswerther Schärfe und Klarheit erkannt. Man lese nur Oeunania cap. 11: Illud ex libertate Titium, <]110 d non sinnil, 11 ec 11t jussi, conveniunt. Dies non 11t jussi ist wahrlich der Schlüssel zur ganzen deutschen Geschichte non Anfang an bis 1866, und das; wir noch nicht am Ende sind, weiß Jeder. Es hat sich, dieses non nt jussi halber, bis dato aus dem rein germanischeu Material, ohne Legirung, kein irgend haltbarer Staat bilden lassen, Preußen hat diese Legirung. — Und was ist Christenthum, d. h. das wirkliche Christenthum, nicht ein nach etwaiger Beliebigkeit conftnin’tcr Begriff, den man mit diesem Namen bezeichnet? Das Christenthum ist der Gottesglaube des Mosaismus, verseht mit dem Trinitätsdogma und losgelöst von dem ״Gesetze". Unb was tritt an die Stelle des ״Gesetzes?" Hier scheiden sich Katholicismus unb Protestantismus. In jenem tritt an die Stelle des ״Gesetzes" die kirchliche Vorschrift, in diesem die ״christliche Freiheit", d. h. der Satz, daß jeder das Gesetz seines Handelns aus sich selbst zu nehmen habe (denn auch die Verbindlichkeit des Dekalogs kann dort keine unbedingte sein). Die Freiheit des Gedankens aber ist hier wie dort an die Fessel des Dogma gebunden. Was ist also christlich׳׳germanisch? Wir müssen drstinguiren. Nach der Seite des sittlichen Handelns ist, in protestantischer Auffassung, christlich und germanisch dasselbe, a mal a, also die potencirte individuelle Freiheit. In katholischer Auffassung bilden christlich und germanisch Gegensätze — die Geschichte bestätigt dies; der bessere und kräftigere Theil des germanischen Geistes und Volkes hat sich stets schlecht mit dem Katholicismus vertragen. Nach der Seite des Denkens und Erkennens ist christlich-germanisch eine Verknüpfung von Gedankenfreiheit und dogmatischer Beschränkung, ein bis jetzt ungelöster und, wie gewiß uicht wir allein glauben, in Ewigkeit unlösbarer Widerspruch. — Und was ist mm ein christlichgermanischer Staat? .Entweder ein Staat der potenzirten individuellen Freiheit — das wäre die An-Archie, d. h. ein Staat, der sich denken, aber nicht realisiren läßt; oder der Staat, wie ihn die Geschichte kennt, aber nicht empfiehlt, nämlich der Staat des ewigen Kampfes zwischen Autononttc und Hierarchie; oder es wäre der freie Staat gebunden an das christliche Dogma. Was ist das?