Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 452 (sequence 2)
- Language
- German
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452 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart Vertreter des edelsten Idealismus, den populären Dichter von weitreichendem Einfluß, wem: auch leine Autorität in religiösen Dingen. Er lehnt jede bestehende Religionsform ab, weil keine der religiösen Idee in ihrer Reinheit entspricht. Und in welchern andern Gebiete decken Ideal rmd Wirklichkeit einander? Nirgends! So müssen deirn, zu 'Gunsten der idealen, der ungehemmten individuellen Entwickelung, Staat und Gesellschaft aufgelöst, auf Wissenschaft und Kunst muß verzichtet werden. Da haben wir Rousseau, haben den fugendlich-stürnrenden Schiller der ״Räuber"! Doch Letzterer ist zu sehr von bem Streben nach Maaß und schöner Form erfüllt, als daß er nicht aus dein Chaos sich heransringen, der in ihm gährende Most ist zu edel, als daß er sich nicht klären sollte. Staat, Gesellschaft, Kunst, Wissenschaft müssen irgend eine gemeinsame Form haben; in der Religion aber scheint die Gemeinsamkeit der Form nicht unentbehrlich, es kann ja jeder seine Gottesidee individuell entwickeln, seinen Gott auf seine Weise verehren, ״nach seiner Fayon selig werden." So Schiller, und wie viel Tausende mit ihm! Und je mehr nun der Mensch auf andern Gebieten, zumal auf bem politischen und socialen, die Fessel der hergebrachten ״Gesetze und Rechte" trägt und darüber seufzt, daß er ״ein Enkel" ist, desto :trächtiger ist das Streden, wenigstens auf denr religiöseir Gebiete ganz frei zu sein. Und dies um so mehr, als es längst erkannt ist, daß religiöse Freiheit die Mutter jeder ander»: ist, daß man in der religiösen Bevormundung (Autorität von Personen, Ueberliefenmgen oder Schriftei») jede andere lässige urrd lastende Herrschaft nüt bekämpft. Hier haben »vir, ivie hundertfach nachgewiesen ist, den tief in's Mittelalter hineinreichenden Ausgangspunkt der Reformation: der Kanrpf für die individuelle Freiheit gegen die auf ersoirnene Traditioir u»rd angeinaßte Autorität gestiitzte, in Hierarchie u»rd Feudalismus verkörperte Schrairke der selbstständigen E»»tmickel»mg des Denkens »mb Handelns?) Als dann der gewaltsam abge- *) Dies ist, wie gesagt, ein allgemein bekannter Satz. Dagegen ist, unseres Wissens, noch nicht klar genug gemacht and ausgesprochen, was denn nun das christlich-germanische Princip und der christlich-germanische Staat, Worte, die so viel Spuk getrieben haben, sind. Wir haben dazu von obigen Sätzen aus einen gebahnten Weg. Der Germanismus ist