Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das Talmudstudium
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
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350 Das Talmudstudium. traurige Verhältnisse zwangen von diesem Plane abzugehen, die mündliche Lehre wurde schriftlich niedergelegt: und dennoch verblieb das Studium ein ausschließlich mündliches. Die Kenntniß der Schrift ist durch die Handlanger jeder Literatur, Grammatik und Lexicon, zu erwerben; der Talmud muß ausschließlich aus den: Munde des Lehrers gehört werden, dieses Studium spottet jedes Wörterbuches und jedes noch so gelehrten Leitfadens, und kann nimmer in eine andere Sprache übertragen werden. Schon seine einfachen technischen Ausdrücke, wie ממה נפשך, בשלמא, כלפי לייא u. a. sind fast unübersetzbar und bedürfen einer Umschreibung, die die Geduld des Lesers erschöpft; und nun vollends die Auseinandersetznng, die scharfe, in kurzen Worten fast nur hingehauchte Dialektik, die leichtbeschwingte, Schluß an Schluß reihende, über den Buchstaben schnell dahineilende Discussion, welches Hilfsbuch vermag ihr Verständniß zu erleichtern? Selbst Mancher, der nach dem gewöhnlichen Ausdruck durch einiges in der Jugend betriebene Studium den Talmud zu lesen verstehet, aber nicht in seine Tiefen eingedrungen, daher in späteren Jahren sich ihm entfremdet hat, welchen Schwierigkeiten begegnet er, so er dieses Werk zu wissenschaftlichen Forschungen benützen will: er verfällt nicht selten in Fehler, die ihn in den Augen des Kenners blosstellen und das Vertrauen zu seinen, mit vieler Anstrengung gewonnenen Resultaten untergraben. Und wie gebieterisch tritt erst an den Theologen, der in diesem Werke die Richtschnur für seine Thätigkeit und die von ihn: zu ertheilende Belehrung finden soll, die Forderung heran, daß er sich nicht nur ein gründliches Studium angeeignet, sondern es auch mit Eifer fortsetze! ״Verläßt Du mich einen Tag, so verlasse ich Dich zwei Tage" sagt ein alter Spruch: jedes sich dem Studium Entfremden ziehet ein doppelt Entfremdetwerden nach sich, die Lust und die Liebe erkaltet, man vermag sich nicht mehr zurecht zu finden, man wird gleichgültig und, was noch trauriger und durch betrübende Vorgange belegt wird, der Geist kommt abhanden und es wandelt