Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein französischer Socialist über die Bedeutung des Messianismus
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 5)
- Language
- German
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214 Ein französischer Socialist denzen, deren Vertreter er sein soll, hat er in den Propheten entweder schon ausgebildet oder wenigstens im Keime vorgefunden, ist aber der klassische Vertreter derselben geworden und hat ihnen Leben und Unsterblichkeit verliehen. ״Jesus ist der Schöpfer des reformatorischen, des revolutionären Geistes, von welchem heute die religiöse Welt durchdrungen ist. Jenen heißen Drang nach Fortschritt, der einem, den christlichen Völkern eigenthümlichen Fieber zu gleichen scheint, und der ihre Ueberlegenheit bildet, wir haben ihn Jesus zu verdanken. Er ist der neue Wein, wonnt er in seinen mystischen Vermählungsfeierlichkeiten die Menschheit berauscht. Keiner liebte die Armen, die Enterbten mehr denn er, keiner hatte von der menschlichen Brüderlichkeit ein tieferes Bewußtsein, und aus seiner großen Seele strömten diese Gefühle auf die Völker über. Das indische, griechische oder römische Alterthum hatte sie nicht gekannt, wenigstens nicht in dem Grade, wo sie zu allgemein bewegenden Kräften des menschlichen Geistes werden. Hier zeigt sich die mächtige, die souveräne Originalität Jesu. Als Moralist, als Llos religiöser Reformator, hat Jesus an den Ufern des Ganges, in Persien, in Arabien, in Griechenland Concurrenten: er hat keinen Rivalen als Messias, als Erwecker der socialen Weltreform." Gewiß hat Huet Recht, wenn er es den Vertretern der deutschen Kritik als einen Mangel vorwirft, daß sie überall bestrebt sind, von Jesus jede politische und sociale Tendenz sernzuhalten. Bei manchen von ihnen, wenn auch sicherlich nicht bei Allen, mag dazu beigetragen haben, die Geistesrichtung, die womöglich schon Jesus eine Trenuung von Staat und Kirche zumuthen will, um so in ihm ihr Ideal vollständig verwirklicht zu sehen. Wie verkehrt dies sei, braucht nicht erst weitläufig nachgewiesen zu werden. Dieses Axiom der modernen Demokratie hat, wie Huet mit Recht bemerkt, seinen Ursprung erst in der Verwickelung und dem Kampfe des Priesterthums mit der weltlichen Macht, welche das Werthum in dem Grade nicht keimt, weil sie ein Erzeugniß des christlichen Mittelalters sind. Man wird zugeben müssen, daß im Evangelium ein demokratischer Geist weht, der auch im Gemeindeleben der christlichen Kirche seinen Ausdruck gefunden hat, man wird sich der Ansicht nicht verschließen können, daß Jesus eine Brüderlichkeit und Gleichheit predigt, welche den aristokratischen Republiken des Merthums fremd war.