Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein französischer Socialist über die Bedeutung des Messianismus
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 4)
- Language
- German
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über die Bedeutung des Messianismus. 213 Seelenstärke entworfen hat. Heißt das nicht, die ihm vorher bestrittene Sündenlosigkeit de facto wieder zuerkennen, wenn Züge von so offenbarer psychologischer Wahrheit verworfen werden aus Furcht, der Hoheit Jesu damit zu nahe zu treten? Wir könnten dies ebenso noch von vielen anderen Punkten behaupten, deren Besprechung uns jedoch hier zu weit führen würde. In dieser Beziehung kennt Huet keine Schranke, es sei denn die, welche ihm die Geschichte selbst anzuerkennen gebietet. Er steht nicht an, Jesu eine gewisse phantastische Ueberspanntheit zuzuschreiben, und wagt es, ״den judenchristlichen Chef" zuweilen mit dem Epitheton eines Visionärs zu belegen, freilich nicht ohne ihn in die immerhin ehrenwerthe Gesellschaft eines Sokrates zu bringen. Mein auch bei Huet muß Jesus das gewohnte Schicksal erleiden, daß er immer zum Ideal dessen gestempelt wird, was die jedesmalige Weltanschauung seines Biographen als das höchste und erstrebenswertheste Ziel der Menschheit erkennt. Der socialistisch-gesinnte Franzose erblickt natürlich in Jesus den Typus eines Socialdemokraten und glaubt diesen Charakter seiner Thätigkeit um so schärfer hervorheben zu müssen, iveil die deutsche Kritik die socialistischen Tendenzen der neuen Lehre mit Absicht verkannt habe, um, wie Strauß sich in der That ausdrückt, aus Jesus nicht einen Schwärmer zu machen. Huet ist der Ueberzeugung, daß Jesus als Träger der messianischen Idee, wie sie in den Propheten vorgebildet war, unmöglich auf die sociale Mission habe verzichten können. Wollte er den jüdischen Messiasbegriff in seinem ganzen Umfange in sich verkörpern, so konnte er die sociale Seite dieser im jüdischen Alterthume stereotypen Figur nicht außer Acht lassen. ״Die älteren Schriftstücke haben uns unter noch immer kenntlichen Zügen den wirklichen Jesus ausbewahrt, diesen letzten und reinsten Vertreter der messianischen Idee Israels, der die Menschheit zuerst in das prophetische Geheimniß des religiösen und socialen Gottesreichs eingeweiht hat, jenes Reichs, welches die moderne Demokratie und das goldene Zeitalter der Zukunft werden sollte." Huet ist bereit, die religiöse Originalität Jesu preiszugeben, er räumt ein, daß die meisten seiner moralischen Lehren entweder aus dem alten Testament geschöpft oder den Aussprüchen früherer jüdischer Gesetzeslehrer, namentlich Hillel's, entlehnt sind. Auch die socialen Ten-