Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein französischer Socialist über die Bedeutung des Messianismus
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 3)
- Language
- German
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212 Ein französischer Socialist Wir begegnen in Huet einem Manne, der, von den Bestrebungen des Neukatholicisnms ansgehend, allmälig, und nach eigenem Eingeständnisse nicht ohne von der deutschen Kritik beeinflußt worden zu sein, zum völligen Bruche uüt der römischen Kirche komvlt und so einen freien und vorurtheilslosen Standpunkt in der religiösen Bewegung unserer Zeit gewinnt. Eine nicht gewöhnliche und energievolle Denkfähigkeit, welche durch einen tüchtig ausgebildeten historischen Sinn in hohem Grade unterstützt wird, läßt ihn nicht zu jenenr wohlfeilen Spotte greifen, mit dem gewöhnlich unreife und oberflächliche Köpfe einen kaum überwundenen Standpunkt zu überhäufen pflegen. Mit tiefem Ernste und dem innigsten Interesse an der Entwickelung der modernen Gesellschaft geht Huet an seine Aufgabe, die, wie der geistreiche Uebersetzer in seiner trefflichen Einleitung sich ausdrückt, darin besteht, den Abschluß der achtzehnhundertjährigen Bilanz des liquidirenden Christenthums zu geben. Was seine Auffassung des Christenthums und dessen Urgeschichte vor anderen ähnlichen Arbeiten auszeichnet, ist das Bestreben, Alles beim rechten Namen zu nennen, um nicht, was man auf der einen Seite der Geschichte wiedergewinnt, ihr auf der anderen Seite zu entziehen. Wir müssen dies nur so höher anschlagen, als es selbst den bedeutendsten und genialsten deutschen Kritikern nicht gelungen ist, sich vollständig aller Vorurtheile zu entledigen und den Ursprung des Christenthums wie die Geschichte seines Stifters von rein menschlichen Gesichtspunkten aus zu beurtheilen. Wenn-die Einen es über sich brachten, die Gottheit Jesu aufzugeben, so konnten sie nicht umhin, ihm dafür eine Sündenlosigkeit einzuräumen, welche ihn der Menschheit wiederum völlig entzog; und die Andern, die wie Strauß diese Halbheit mit großer Schärfe aufdeckten und bekämpften, verwarfen zwar dieses Vorrecht Jesu als etwas Dogmatisches, haben aber diese Auffassung selbst noch nicht ganz überwunden. Hätte sich sonst. Strauß nicht davor gehütet. Facta nur deßhalb für unhistorisch und mythisch zu erkläreu, weil sie geeignet sind, auf Jesus einen Schatten zu werfen? Bei aller Hochachtung vor dem Charakter des christlichen Religionsstifters darf man doch z. B. den Seelenkampf in Gethsemane nicht deßhalb für erdichtet halten, weil er zu dem Bilde nicht paßt, das man sich im Voraus von Jesu unbesiegbarer