Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829374-2829379-2864273--11962-2864315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart ders besprochen werden; hier vorläufig nur dieses. Das Charakteristische des gegenwärtigen Kampfes scheint uns darin zu liegen, daß er ein Prinzipienstreit im eminentesten Sinne geworden ist, ein Streit um das Prinzip. Die streitenden Parteien in ihren äußersten Gegensätzen haben keinen gemeinsamen Boden, sie verstehen einander nicht mehr. Wir brauchen dabei nicht einmal an das Extrem der ״Linken", die Anhänger des krassen Materialismus zu denken, auch zwischen den ans dem Boden des Glaubens an Gott und Seele stehenden Gegnern der Kirchenlehren und den Orthodoxen gibt es keine Verständigung. Der Streit um einzelne Dogmen, der die ganze Kirchengeschichte bis ins 18. Jahrhundert erfüllte, ist verstummt oder unerheblich geworden. Es Handelt sich um das Dogma; zwischen denen, welche in Jesus den Gottessohn und denen, welche in ihm einen Menschen sehen, gibt es keine Verständigung — unsers Erachtens, und warum sollten wir unserm Urtheil mißtrauen, da wir ja unparteiisch sind? Der Streit ist auch nicht mehr ein konfessioneller; es ist ja Handgreiflich, daß Katholiken und orthodoxe Protestanten einander näher stehen, als den ״Unkirchlichen und Ungläubigen" der eigeneu Konfession. Wir haben es mit drei scharf gesonderten Parteien zu thun, der antireligiösen, der antikirchlichen und der orthodoxen — die Mittelpartei zwischen der zweiten und dritten hat, unsers Erachtens, einen nicht nur schwierigen, sondern unhaltbaren Standpunkt. Nun könnte man leicht zu der Ansicht kommen, daß es im Judenthum mutatis muisnäis ganz ebenso stehe, daß es sich nichts mehr um einzelne Kapitel des Schulchan aruch Handelt, sondern um die Geltung des Ceremonialgesetzes, der Thora überhaupt, daß zwischen Chassidim und Reformern keine Verständignng möglich sei, ja daß orthodoxe Juden und Christen einander in dem gemeinsamen Glauben an Prophetie rc. näher ständen als erstere den Radicalen innerhalb der Judenheit. Doch dies alles ist entschieden falsch. Judenthum und orthodoxes Christenthum sind durch das Dogma so eingreifend verschieden, daß alle anderen Verbindungspunkte dagegen schwinden. Mit denen, die für ״Israel" und seine Wiederherstellung schwärmen, alles Heil von ihm erwarten, ist trotzdem weit weniger Verständigung möglich, als mit dem gemäßigt rationalistischen Protestanten. Chas-