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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 4 · p. Seite 165

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 4
Article
Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
Date
1869-01-01
Page
Seite 165 (sequence 10)
Language
German
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und das Judenthum. 165 sehr Ursache, als selbst erst Wirkung der geänderten Zustände. Früher gab es für den Juden nur ein geistiges Interesse, das religiöse; nahm er nicht an diesem Th eil, so war er בור, עם הארץ roh, unwissend; jetzt nimmt er an dem gesummten Geistesleben Theil.y Wie dem sei — wir begrüßen das Erwachen religiöser Bewegung im Christenthum mit Freuden, es kann nicht anders als wohlthätig auf die Judenheit einwirken, es wird unausbleiblich erwecken; und wohin der erwachende Geist sich auch zunächst wenden möge, immer ist sein Erwachen dem Schlafe Vorzuziehen! Kürzer können wir uns über die Frage fassen, worin dem Inhalte nach die Charakteristik der gegenwärtigen Bewegung bestehe. Es handelt sich bei derselben theils um Dogmen, theils um Kirchenverfassungsfragen. Soweit diese spezifisch christlich sind, werden wir darauf nicht eingehen, da das weder nöthig noch nützlich; ums uns von denselben angeht, wird später besonhabe, ist nur bei kleineren Orten der Fall, nicht in den Großstädten. Nehmen wir das uns Nächstliegende Beispiel: Stettin hat jetzt 5—6 mal so viel Einwohner als um Ende des vor. J'ahrh., und dabei zwei Kirchen weniger, welche eingeäschert wurden und nicht wieder aufgebaut sind. Wo aber in Residenzen neue Kirchen erbaut sind, da ist es nicht durch die Gemeinden geschehen. J) Wir möchten bei dieser Gelegenheit eine Anklage entkräften, welche Philippsou schon oft gegen die jüngeren Prediger erhoben hat: sie vermöchten nicht mehr das Publikum an sich zu ziehen. Die Thatsache ist richtig, aber nicht der darauf gegründete Vorwurf. Vor 30—40 Jahren war die Predigt in der Synagoge neu, das Neue lockt, auch wenn es recht mittelmäßig wäre. Dazu das Pikante, welches der größte Theil der dama- Ligen Prediger durch Polemik gegen Orthodoxie, Stabilismus, Ceremoniendienst u. dgl. den Vorträgen verleihen rnochte — es ist dies allmälig höchst überflüssig geworden. Den Spott eines Heine über die ״gerührten Moralpredigten und orthographischen Gesänge" wollen wir uns nicht aneignen, wollen die Trefflichkeit mancher Musterpredigten jener Zeit nicht bemängeln, aber das heutige Publikum würde gar manche von ihnen nicht mehr goutiren. Und der Hauptpunkt:. Damals hatte die öffentliche Beredsamkeit nur eine Stätte, die Kanzel; heute hat die Predigt die Concurrenz der politischeu Rede, der belehrend-unterhaltenden Vorträge jeglicher Art zu bestehen. Das Bedürfnis; ״sich zu erbauen" ist es nun einmal nicht, welches den Juden in die Synagoge führt, es sei denn an besonderen Tagen oder Privatverhältnifsen; er will seiner Pflicht genügen, beten, oder er will geistige Nahrung finden, etwas hören!

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