Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 9)
- Language
- German
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164 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart hervorrief. Wir erinnern von Geschichten-ans dem vorigen Jahrhundert an die Kämpfe R. Jonathan Eibeschütz', an die bekannte Mannheimer Get-Geschichte und an die Hamburger Streitigkeiten über Chaj oder Chei. Auch die Neugestaltungsbewegungen seit der Mendelsohnschen Epoche drangen alsbald in die Tiefe. Daß die Gebildeten zunächst Urheber, Träger und Verbreiter der Reformbestrebungen waren, daß das ״Volk" (wir müssen auch hier der Kürze wegen diesen Ausdruck gebrauchen) zumeist die Vertreter des Konservatismus stellte, ist natürlich; wenn aber die Neuerer nicht einigen Anklang im Volke fanden, so blieb ihnen nichts übrig, als sich schmollend zurückzuziehen, wenn sie es nicht vorzogen, ganz aus dein Judenthum auszutreten. Nichts also ohne das Volk! — Und doch ist es, leider, nur zu klar, daß seit einer Reihe von Jahren, man kann wohl sagen seit 1848, die Erscheinungen im Judenthum, in dieser Beziehung, den im Christenthum sich zeigenden immer ähnlicher geworden sind. Wir haben seitdem wohl Streitigkeiten gehabt, aber sie wurden unter den Theologen geführt, die Masse verhielt sich mehr und mehr theilnahmlos. Immer mehr ist es eingerissen, die Religion den Rabbinern, den Kultusbeamten zuzuweisen; eine allgemeinere Bewegung, wie noch kurz vor 48 bei Gelegenheit der Reformgenossenschaften und Rabbinerversammlungen, haben wir nicht mehr gehabt. Dieser Jndisferentismus müßte den Untergang des Judenthums bedeuten; denn wo wären die exclusiven Kreise, die es für sich allein tragen könnten? Die Fortdauer des Judenthums steht uns aber wohl nicht in Frage, darum kann und wird der Jndifferentismus nicht fortdauern. Wohl werden die Zeiten nicht wiederkehren, da an eigentlich theologischen Fragen die Menge sich lebhaft betheiligt; die Theilnahme im Allgemeinen wird wieder erwachen. Auch liegen die Verhältnisse, trotz äußerer Aehnlichkeit, im Judenthum anders. Die großen materiellen Opfer, welche die Gemeinden freiwillig für die Kultus-Institutionen bringen, mag man davon auch vieles auf Rechnung des ״) נעשה לנו שםwir wollen uns einen Namen machen") stellen, machen es unmöglich, nichts als Gleichgültigkeit zu sehen. Welch eine Parallele bietet eine Vergleichung zwischen den seit einem Menschenalter ausgeführten Synagogen- und Kirchenbauten! r) Der Jndifferentismus ist unter uns nicht so *) Daß die Vorzeit der Gegenwart ausreichende Kirchen hinterlassen