Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 8)
- Language
- German
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und das Judenthum. 163 Prosessionspolitikern gab, die sich um Politik kümmerte, während selbst Gelehrte, Beamte und dergl. gar keine Zeitung lasen, es unter ihrer Würde hielten; so trat auch das religiöse Leben in das gefährlichste Stadium — man überließ die Religion der Klerisei. Das ist die Wendung, die jetzt eingetreten ist; der Jndifferentismus beginnt zu schwinden, das Volk fängt an theilzunehmen an den religiösen Fragen. Daß dies die Signatur der Gegenwart ist, wird dadurch bestätigt, daß ihre Eigenthümlichkeit überhaupt klar und deutlich darin ausgesprochen ist. Die Gegeuwart ist arm an großen Männern, die Herren der individuellen Entwickelung sind heimgegangen, dafür ist die geistige Bewegung in die Masse gedrungen, aus allen Gebieten ist die Arbeit vertheilt, also daß selbst mehrere der bedeutendsten Ersindungen sich nicht auf einen Erfinder zurückführen lassen. Und wir vernehuren auch bereits einzelne Stimmen, welche der Einsicht das Wort reden, daß es höchst verkehrt und verderblich sei, wenn die gebildeten Stände sich der Religion und der Kirche gegenüber, passiv, skeptisch, verhalten und das Volk der Orthodoxie und dem trägen Beharren überlassen, daß der wahre Fortschritt doch nur durch freie Religiosität getragen und gefördert werden könne. Man wird wohl auch hinzuzusetzen sich bequemen, daß Naturwissenschaft, Politik, s. g. Schulkenntnisse — klassische wie reale — allein das Volk weder befreien noch beglücken, sondern daß nur der Geist fteier, aufgeklärter Religion dies vermag (wie dies eben die Perioden der Reformation und der Aufklärung deutlich beweisen), daß aber bloße Negation oder gar Verhöhnung des Religiösen ganz und gar unfruchtbar sei. Wie steht es in dieser Beziehung im Judenthum? Man sollte denken, der Unterschied müsse auf der Hand liegen. Wie soll denn das Judenthnm leben und bestehen, wenn es nicht im Volke lebt? Wer oder was sollte es denn stützen, auch nur seine äußerlichste Existenz bewahren, wenn nicht die Selbsttheilnahme seiner Bekenner? Merkwürdig daher, aber erklärlich, wie die Masse, selbst in Dingen, von welchen sie nichts verstand, nichts verstehen konnte, Partei ergriff. Das demokratische Grund- und Lebensprincip des Judenthüms bewirkte, daß ein Streit um einen Mnhag, ja sogar nur ein דבר הלכה, wenigstens in der betreffenden Gemeinde alsbald populär wurde und Parteiung pro und contra 11*