Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 7)
- Language
- German
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162 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart ging es ähnlich, der fürstliche Absolutismus verschlang, absorbirte Alles. Die Bewegungen in derselben während des 18. Jahrhunderts, die Bestrebungen eines Febronius, die Emser Punktationen, die Jesuitenvertreibung, hatten wohl Emanzipation von Rom im Auge, aber doch nur im Interesse der Landeshoheit der katholischen Fürsten, der geistlichen wie der weltlichen; ״das Volk stand von ferne" — und daran scheiterten jene Reformversuche. Nur die außerhalb der Landeskirche hervortretenden Bewegungen, Pietismus, Sektenbildung, drangen ins Volk. Die Aufklärung folgte dann; sie beherrschte zunächst die höheren Stände, aber mit der bestimmtesten Absicht, die niederen in die Bewegung git ziehen. Diese Bestrebungen, von den Regierungen lange Zeit gefördert, seit dem auch, namentlich durch die damals gegründeten und im Geiste der Aufklärung geleiteten Volksschulen, tief ins Volk gedrungen, so tief, daß — Gott sei Dank! — die Wirkung bis heute noch vorhält, trotz der nun seit Jahrzehnten mit Eifer, Konsequenz und Kraftaufwand betriebenen Reaktion. Es läßt sich auch nicht verkennen, daß die Aufklärung auf das Volk nür wirkte, weil und insofern sie eine religiöse gewesen ist, Religiosttät, wenn auch eine mitunter etwas sentimentale und angekränkelte, fördern wollte. Die Richtung dagegen, welche Religion nur als freie pour I» Canaille conserviren wollte, ging ebenso spurlos am Volke vorüber, wie die Systeme des Sensualismus, Materialismus, Deismus und Theismus. ״Das Jahrhundert schied in Sturm und das neue öffnete sich mit Mord" — es war da kein Raum für religiöse Agitation. Die Wiederkehr des Friedens brachte die evangelische Union, auch eine gewisse Reaktion gegen den allzu nüchtern gewordenen Rationalismus, aber der Kampf gegen die erstgenannte ging nur von Geistlichen aus, die hier und da ihre Heerde mit sich zogen. Das religiöse Leben im Volke schlief bis in die vierziger, Jahre; sollte die Hegel'sche Philosophie seine Theilnahme wecken?! Es folgte ein kurzes Aufstackem religiöser Bewegung, um desto tteferer Apathie Platz zu machen. Es vollzog sich eine höchst unheilvolle Scheidung zwischen den ״Gebildeten" und dem ״Volke." Jene verhielten sich mehr und mehr ablehnend, achselzuckend gegen alle Religiosität, dieses verharrte in unfruchtbarem Mechanismus; die Kämpfe, an denen es freilich nicht fehlte, bewegten nur die Theologen. Und so wie es bis in die vierziger Jahre nur eine Klasse von