Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 6)
- Language
- German
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und das Judenthum. 161 Lehre einigermaßen erzogen und unterrichtet worden ist, in seiner Person eine Verkörperung der Uebergangszeit darstellt. Wir, die wir zu dieser Kategorie gehören, verstehen unsere Väter und Mütter, können uns vollkommen in ihre Denk- und Gefühlsweise versetzen und würden uns ebenso mit unseren Urgroßeltern verständigen, d. h. sie begreifen können — Unsere Kinder, auch die ״fromm" erzogenen und gebliebenen und gut unterrichteten, können dies nicht mehr, sie verstehen uns, aber nicht den Großvater, falls dieser nicht bereits ein ״Mann der Neuzeit" ist — und selbst dann kaum.H Wir sind die personifizirte Uebergangsperiode. Doch schon zu viel von diesem Stichworte. Lokslet behält Recht; es ist laien- und schülerhaft ״neu, noch nicht dagewesen, herrlich weit gebracht!" voreilig anszurufen; aber es ist ebenso verkehrt, mit einem für den Gelehrten wohlfeilen Dünkel allerlei Aehnlichkeiten, mehr oder minder treffende Parallelen zu suchen und zu finden und zu sagen ״Alles schon dagewesen!" Um das Charakteristische der gegenwärtigen Vorgänger zu erkennen, wird es nöthig sein, sie mit früheren zu vergleichen; selbstverständlich können wir über dies Frühere nur vereinzelte Notizen geben. Betrachten wir zuerst die äußere Gestalt, den Umfang der gegenwärtigen Bewegung. Es liegt in der Natur der Sache, daß eine religiöse Bewegung, wenn sie überhaupt etwas bedeuten will, tief gehen, viele Schichten der Bevölkerung in's Interesse ziehen muß. Dies war im eminenten Sinne im Reformationszeitalter der Fall. Aber auch nachher kam die Bewegung nicht ganz zum Stillstand; die Theologen zankten um tormulas, aber das Volk nahm Theil. Die religiösen Interessen — (das Wort freilich in weiterem Sinne genommen) — beherrschten die Welt; Kardinäle und Hofprediger leiteten die Staaten. Die Einmischung dynastischer Interessen trübte und fälschte die religiösen, nützte sie aber aus und ließ sie keineswegs einschlafen; es kam zum dreißigjährigen Kriege, zu den Hugnenottenschlachten, zur Revolution und Restauration in England, zu den Remonstrantenkämpfen in Holland. Dann aber nahmen die ״Kirchenregimenter" alles in ihre Hand, selbst die Theologie stagnirte völlig, das Volk war religiös, aber formell, ohne Leben. In der katholischen Kirche ') Wird Dieser und Jener dies in Beziehung auf seinen Sohn bestreiten? Ec täuscht sich! Franlel, Moil-USschrist. XVI1L. 4. 11