Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829374-2829379-2864273--11956-2864309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
160 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart Religions- und Konfessionsformen untergehen, und entweder eine neue Menschheitsreligion entstehen, oder Religion überhaupt bald zu den überwundenen Standpunkten gehören werde, gibt es auch nicht Wenige, welche wünschen und daher glauben, daß das Neue eine vollständige Rückkehr zum Alten sein werde. Es ist hier durchaus nicht unsere Absicht, Vermuthungen über die Zukunft auszusprechen — für die spätere Zukunft haben wir an unseren Propheten genug — über die Gegenwart geht unsere Ansicht einfach dahin, daß der Satz von der Uebergangsperiods nur Phrase ist. Eine solche landläufige Phrase enthält immer Wahres, will sie aber mehr denn als solche gelten, so wird sie falsch. Abgesehen davon, daß bei den Hauptculturvölkern Europas seit drei Jahrhunderten fast jede Generation eine wesentlich neue Entwickelung gebracht und durchgewacht hat und also eine Uebergangs- Periode darstellt (Fristen der stockenden Entwickelung bedeuten in der Weltgeschichte nur Momente) — was hat die Gegenwart aufzuweisen, was sich an Bedeutung und Gewicht der zweiten Hälfte des vor. Jh., der Periode der Aufklärung und der Revolution, an die Seite gesetzt werden könnte? In staatlicher Beziehung hat das Jahr 48 neue Ideen tief in das Volk gebracht, das Jahr 66 Thatsachen geschaffen, die Ausgangspunkte neuer Entwickelung werden müssen; in Beziehung auf Naturwissenschaft und Völkerverkehr wird unsere Epoche nach Jahrhunderten als Anfang einer neuen Aera bezeichnet werden; aber in religiöser Beziehung? — Wo sind die neuen Ideen, wo die Thatsachen, die Lehren, die Lehrer? Schleiermacher, den man jüngst gefeiert — seine Schule zählt nur noch Reste; Strauß? Die Grundidee seines Werkes halten selbst wir Juden nicht für richtig — oder Feuerbach? Rüge? Ronge? Renan und die Ariertheorie? Oder gar Hengstenberg und Leo? Anders steht jedoch die Sache im Judenthum; wir leben wirMch in einer Uebergangsperiode. Es ist ganz unnütz, dies zu beweisen; es ist hundertfach bereits ausgesprochen, daß mit den Anfängen der politischen Gleichstellung und dem Eintreten in das öffentliche soziale Leben ein Wendepunkt in der Geschichte des Judenthums sich einleiten mußte. Wir wollen nur darauf Hinweisen, wie jeder Jude in Deutschland, der heut etwa 50 Jahre alt, in den tradirten Formen des Judenthums und in seiner