Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zum Jubiläum der Cultusreform
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 7)
- Language
- German
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128 Zum Jubiläum der Cultusreform. rummel wieder auffrischen, der .schon vor fünfzig Iahren Fiasko gemacht hat? Sind sie nicht wieder stark drauf und dran Gebetefabrikation zu betreiben? Fangen sie nicht wieder an, eine Schwärmerei für die verblaßte Romantik der ״deutschen Lieder" zu heucheln? Wollen sie nicht unserer Zeit einreden, daß ihr eine ״Cnltus frage" Schmerzen mache, unserer Zeit, die entschieden eine antireligiöse ist, der Darwin und Buckle glaubwürdigere Propheten als Mose und Jesaias sind, der die Reform- Hetze jeden religiösen Sinn glücklicherweise so sehr ausgetrieben, daß sie, was Cultus sei, nicht einmal mehr begreift? In der That! Wer in einer solchen Zeit, wo alle religiösen Grundlagen erschüttert sind, mit dem Gebetbuche Religion machen zu wollen vorgiebt, der muß entweder — ein Schwachkopf, oder ein elender Wicht sein, der nur die Absicht hat, das denkfaule flache Geschlecht zu gängeln und ihm mit dem Pesthauch einer falschen religiösen Begeisterung den letzten Funken wirklicher Religiösität auszublasen, oder endlich ein Genußmensch, der den Reformschwindel für Lebensbequemlichkeit ausbeuten will. Es ist eine eigene Spielart von Pietismus, der in eine Orgie ausläuft, es ist eine Art von religiösem Mormonismus, der alles echte religiöse Empfinden vergiftet—diese verlogene Gebet- und Liederschwärmerei. ״Aber was soll denn der ehrliche Mann in dieser Zeit thun?" Das kann nicht zweifelhaft sein. Der ehrliche Mann, der noch einen Atom von Liebe zur Religion und von Ehrfurcht vor dem Gebete in sich trägt, er sagt sich Dieses: Es ist ein Standpunkt denkbar, auf welchem angelangt inan gar nicht mehr betet. Aber auf diesem Standpunkte findet sich gleichwohl noch ein Refpekt vor dem Gebet an sich. Man kann selbst das Bedürfniß nach andächsiger Erhebung verloren haben, aber man kann denjungen beneiden, der noch beten kann. Es gilt dies von dem Privatgebete, wie von dem öffentlichen Gottesdienste. Man kann die Institution der gemeinsamen Andacht an sich noch respektiren, ja bewundern, obwohl man schon längst keine Neigung rnehr verspürt, sich daran zu betheiligen. Daß dieses (im besten Falle) der Standpunkt derjenigen ist, auf deren angebliches ״religiöses Bewußtsein" unsere moderne Gebetmacherei sich stützt, ja daß diese auf diesen Standpunkt durch den ununterbrochenen Reformschwindel gedrängt worden sind, das wird kein ehrlicher Mann bestreiten.