Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zum Jubiläum der Cultusreform
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 4)
- Language
- German
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Zweiter Artikel. Die Gebetmacherei. 125 welche die Freiheitskriege geweckt hatten, war schon abgedampft; die ״heilige" Allianz hatte begonnen, die höchsten religiösen Begriffe für politische Maßregelungen zu mißbrauchen; Gentz und Consorten waren die Priester, welche mit den neuen Gesetzestafeln der ״Karlsbader Beschlüsse" hervortraten und die Religion schnöder Mißhandelten durch ihre Art von Verehrung gegen sie, als es der französische Convent mit ihrer Absetzung gethan hatte. Andererseits hatten in der Gesellschaft, zumal in der jüdischen, wie in den christlichen ״gebildeten" Kreisen, Libertinage und Cpnismus die letzten Reste von Aufrichtigkeit, Gesinnung und religiösem Bewußtsein aufgezehrt; erbärmliche Juden wie David Veit mußten gegenüber erbärmlichen Jüdinnen, wie der Rahel, den Juden Mendelssohn c o mm entiren; auf den schlüpfrigen Parquetten der Salons, in den ästhetischen Theegesellschaften, in welchen Eduard Gans, wie Heine sagt, an den Gegenstand philosophischer Unter- Haltung niemals so ernst hingegeben war, daß er nicht doch immer die größten Butterbröde herauszufinden gewußt hätte — da wurde pele mele der Wiener Congreß, interessante Theaterprinzessinnen, das piquante Abenteuer dieses oder jenes Nouö (wie es in Hauffs Memoiren des Teufels schön zu lesen ist) und ׳— der liebe Gott verhandelt. Und in einer solchen Zeit, die eher jeden anderen Berus, als einen religiösen hatte, da traten unsere Reformatoren auf, die in jenen Salons gebildet, von jenen ästhetischen Thees inspirirt waren und — machten Religion, machten Gebete! Ich weiß nicht, soll man sie mehr für Naivetät halten und darüber lachen, oder für baareu Cpnismus und sich darob entrüsten — jene objectiv - nüchterne Betrachtung und Behandlung, womit unsere Reformatoren ein sashionables Judenthum konstruirten! Sie machten ״fromme" Lieder und Gebete, — aber kaum kann man sie sich anders entstanden denken als mit der urgemüthlichen burschikosen Staffage von Stulpstiefel, langer Pfeife, Bier oder schwarzem Kaffe. Es war eben ein Gebetmachen, so nüchtern und ohne Betheiligung des Herzens, wie — man Sticfel macht! ״Also wäre es denn für gar Nichts anzuschlagen, daß die Resormbewegung im Anfänge unseres Jahrhunderts einen ״geregelten" Gottesdienst eingeführt? — Aha, schon wieder der Anstand und die Ordnung! Es kommt immer auf Das hinaus!