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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 3 · p. Seite 124

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 3
Article
Zum Jubiläum der Cultusreform
Date
1869-01-01
Page
Seite 124 (sequence 3)
Language
German
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124 Zum Jubiläum der Cultusreform. lieber wurden ohne große Veränderung in religiöse umgewandelt, wie das ״Jnsbruck, ich muß Dich lassen" in ״O Welt, ich! muß Dich lassen" und wurden in den protestantischen Kirchen gesungen. Die bekanntesten heutigen Kirchenmelodieen, wie ״Vom Himurel hoch, da komm' ich her", oder: ״Wie schön leuchtet der Morgenstern" sind ursprünglich Volksmelodieen gewesen. Niemand fragte damals, ob dergleichen Umgestaltungen und Uebertragungen paßten, sich mit der Ordnung, mit dem Anst a n d vertrügen. Denn es giebt eben gegenüber einer aus den höchsten geistigen Potenzen gewaltsam hervorbrechenden Erscheinung, wie es die Gebetschöpfung ist, — k eine Frage. Das erscheint und ist da — und kehrt sich wenig an unser Warum und Wieso. Anstand und Ordnung sind unzweifelhaft eine schöne Sache, die aber unser Jahrhundert nicht erst erfunden hat, sondern welche das sechszehnte gewiß eben so sehr anerkannt hat, wie der gesittete Mensch von Heute. Aber Anstand und Ordnung sind eben — was heute nicht nachdrücklich genug betont werden kann — keine bewegenden religiösen Mächte, keine bestimmenden religiösen Faktoren. Das Anstandsgefühl mag vielleicht die Uebertragung eines Gassenhauers in ein Lied für's Gotteshaus, wie sie im Reformationszeitalter stattfand, befremdend finden; aber mit allen: Anstandsgefühl kann man doch nicht — Religion machen, könnte man doch nicht ein frommes Lied, wie es in jenem Zeitalter so oft geschah, zum Gemeingut des Volkes, zum Mittel öffentlicher Andacht und Erbauung, zum gemeinsamen Gebet erheben. Dazu bedarf es eben eines allgemeinen religiösen Dranges, einer die Zeit erfüllenden religiösen Bewegung. ״Schließt also der religiöse Drang Anstand und Ordnung aus?" — Das haben wir nicht behauptet; aber Anstandsgefühl und Ordnungssinn sind nicht der religiöse Drang. Das ist gewiß und ewig wahr, und nur die Flachheit und der Cynismus des Reformschwindels konnte die fingerfertige Eskamotage begehen, die Regeln des Salons für religiöse Motoren und Principien auszugeben. Oder war die Zeit, in welcher der Reformschwindel ausbrach, von religiösem Drange erfüllt? Kein Vernünftiger wird diese Frage bejahen. Selbst die einigermaßen religiöse Begeisterung,

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