Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zum Jubiläum der Cultusreform
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829374-2829378-2864197--11903-2864244- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zweiter Artikel. Die Gebetmachcrci. 128 nisses geworden, eingedrungen? Wer sagt uns, wie das ״Höre Israel" unter den Juden das ״Vaterunser" in der Christenheit, das Ijfika (Dich loben wir) unter den Muselmännern zu jenem Zunder geworden, der seit Jahrtausenden den religiösen Drang der Herzen, mögen sie im Uebrigen noch so verschieden empfinden, gleicherweise entladet? — So gebricht es uns also auf die Frage nach den inneren Entstehungsumständen der Gebete an einer Antwort; aber wenn irgendwo, so ist hier keine Antwort — auch eine Antwort. Eins nur läßt uns die Geschichte in Ansehung der gemeinsamen Gebete mit Sicherheit erkennen (und der gesunde Menschenverstand ahnt es a priori), daß sie nur unter dem Eindrücke einer tiefgehenden allgemeinen religiösen Strömung, welche eben nicht mit der antireligiösen zu verwechseln ist, entstehen können. Wie erst die heftigste Aufregung der Naturkräfte die sichtbaren Zeichen der Electricität hervorlockt, die sonst schläft oder nur in geheimnißvoller Stille wirkt: so bedarf es auch eines religiösen Gewitterschauers, um jene merkwürdigen Gebetschöpfungen hervorzubringen, welche für Jahrtausende bestimmt bleiben, in großen Gesannntheiten jene Empfindungen der Andacht wachzuerwecken, unter denen sie entstanden sind. Da brechen sie dann hervor und erobern die gleichgestimmten Herzen. Niemand fragt, warum sie so und nicht anders sind. Niemand singt nach ihrer Beurkundung, nach ihrer Existenzberechtigung. Sie erscheinen eben wie — Blitze; so nrplötzlich und so durchschlagend, oft in den merkwürdigsten und sonderbarsten Kreiselungen, in welcher der nachträglich untersuchende räsonnirende Verstand gar keine Ordnung, gar kein Gesetz wahrzunehmen vermag. Unsere Reformatoren wollen ja so gern für kleine Luther gehalten sein und uns die Aehnlichkeit zwischen dieser jüdischen Neformepoche und dem Neforniationszeitalter einreden. Nun, gerade dieses Letztere zeigt, wie, sobald nur ein allgemeiner religiöser Drang die Gemüther ergriffen hat, gemeinsame Gebete gegen alle Regeln der Convenienz entstehen und Wurzel schlagen können. Damals wurden geistliche Gesänge, wie es heute mit den Drehorgelliedern geschieht, auf einzelne Blätter gedruckt, durch Händler von Haus zu Haus getragen, begierig gekauft und erlangten so Bürgerrecht in der öffentlichen, gemeinsamen Andacht. Bekannte Volks-