Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zum Jubiläum der Cultusreform
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 1)
- Language
- German
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122 Zum Jubiläum der Cultusreform. Imn Zubiläirm der GMusreform. Zweiter Artikel. Die Heketmacherei. ״Können Sie mir nicht ein Paar Stiefel machen?" — ״Können Sie mir nicht ein Gebet machen?" — — Halten Sie diese Zusammenstellung nicht für einen giftigen Spott, es liegt bitterer Ernst darin! Denn auch das ist in der That eine Signatur unserer Reformperiode, daß man in ihr Gebete macht, wie man Stiefel macht. — Wie entsteht überhaupt ein geme infames Gebet, d. h. wie erhebt sich der Herzenserguß eines Einzelnen zum religiösen Gemeingefühl, zum Ausdmck des religiösen Bedürfnisses einer G e s a m m t h e i t? Diese Frage muß sich doch wohl vor Allem vorlegen, wer in den Gebetschatz einer religiösen Gemeinschaft umgestaltend oder schöpferisch eingreifen, oder wer einen solchen Eingriff richtig benrtheilen will. Aber vermag Einer diese Frage zu beantworten? Wer es wollte, der müßte auch das Geheimniß lüsten können, wie die Sprachen oder Volkslieder entstanden sind, öderer müßte das Räthsel des Vitalismus zu lösen, oder den Schleier zu heben vermögen, der über die bewegenden Mächte der Natur, über Electricität und Magnetismus, gebreitet ist. Sie sind eben da — die Sprachen, die Volkslieder, das Leben, Electricität, Magnetismus und — die Gebete. Wir können eben nur ihre Existenz bestätigen, da sie uns zu diesem Zugeständniß nöthigen. Was wir mehr über das Wie und Woher derselben sagen, kann nur dazu dienen, unsere Unwissenheit über diesen Punkt um so Heller zu beleuchten. Wir kennen vielleicht — bei Juden wie bei Christen — von einzelnen Gebeten die Namen ihrer Verfasser, oder wir vermögen auch wohl ein geschichtliches Datum anzugeben, das den äußeren Anlaß ihrer Entstehung bildete. Aber sind wir damit in das Innere dieser Erscheinung selbst, in ihren Vitalismus, in die Art und Weise, wie die Gebete, der gemeinsame Ausdruck des religiösen Bedürf-