Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Einheit des Judenthums innerhalb der heutigen religiösen Anarchie
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
- Language
- German
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114 Die Einheit des Judenthums Weltepoche, in Folge eines komischen Qui pro quo als ״zeitgemäß" breit machen. Die Neligions- oder Gewissensfreiheit, die in allen Glaubensselten eine so scharf zersetzende Wirkung ausübt, hat in der That, wie sich heute zeigt, auf das Judenthum keinen so zerstörenden Einfluß, als es anfänglich und auch heute noch in halbfreien Ländern den Anschein hatte oder hat. Der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Reform, der sich in den Ländern partieller. Ge- Wissens- und Religionsfreiheit bis zur Feindseligkeit gesteigert hat, zeigt diesen schroffen Charakter keineswegs in denjenigen Ländern, wo schon seit langer Zeit die liberalen Prinzipien zur vollen Geltung gekommen sind. Die individuellen Meinungs- Verschiedenheiten in subjektiven Glaubensangelegenheiten sind zwar hier wo möglich noch größer, als in den erstgenannten; aber inan ist auf beiden Seiten duldsamer hinsichtlich der Glaubens- Verschiedenheit, und fester, wo es sich um gemeinsame Angelegenheiten des Judenthums handelt. Die objektive Einheit des nationalen und traditionellen Judenthums beherrscht hier die subjektive Glaubensverschiedenheit. Und wohlgemerkt, ich spreche nicht bloß vom öffentlichen Cultus, der in halbliberalen Ländern so viele Streitigkeiten hervornfft, sondern auch vom ganzen jüdischeu Leben, dem häuslichen, wie dem öffentlichen. In Frankreich, wie in Amerika, England, Holland und Belgien, wird den Orthodoxen nirgends von den Andersdenkenden ein Gewissenszwang aufgelegt. Tauchen auch hier, wie überall, Reformgelüste auf, so bleiben diese doch in gewissen individuellen Schranken, ohne Einfluß auf die maßgebenden Kreise, die das jüdische Leben zu würdigen und zu schonen wissen. Darum war es auch nur hier in Frankreich möglich, eine allgemeine israelitische Allianz zu gründen, die keineswegs blos die politische, sondern auch die soziale Emanzipation und nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Auge hat. Dieser Allianz schließen sich alle Glaubensnuancen, orthodoxe wie freidenkende Juden auf dem ganzen Erdenrunde an. Hier haben wir den thatsächlichen Beweis, daß die Glaubensanarchie nicht im Stande ist, das natürliche und historische Band zu lösen, welches alle Juden umschlingt, daß nicht die moderne Wissenschaft und das moderne Leben,