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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 2 · p. Seite 92

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 2
Article
Die Bernickel-Gans
Date
1869-01-01
Page
Seite 92 (sequence 5)
Language
German
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92 Die Bernickel-Gairs. .Ein mittelalterlicher Mythus. In der jüdischen Literatur der mittelalterlichen Periode begegnen^wir ebenfalls und zwar noch früher der Bernickelgans, die bezüglich der Speise-- gesetze eine eigenthümliche Rolle spielte, da die Gesetzlehrer in Deutschland und Frankreich schwankend waren, ob sie dieselbe zu den Vögeln oder deren ursprünglichen Natur gemäß, zu den Fischen und Schalthieren rechnen sollten. R. Jehuda der Fromme aus Worms (gest. 1216) und dessen Vater R. Samuel, der Fromme, aus Speier, (bl. 1150) sowie R. Jakob Tam aus Ramerü (geb. um 1100 gest. 1171) beschäftigte diese Frage, die aber bereits, wie es scheint, viel früher ein Gegenstand der Contro- Verse gewesen. Bei N. Mardochai b. Hillel, Cholin § 735, lesen wir die Streitfrage, ob die Vaunrgänse wegen der eigenthümlichen Art ihrer Erzeugung geschlachtet werden müssen, und ob sie nicht wie die Fische ungeschlachtet gegessen werden dürfen. Der Genuß der Bernickelgans während der Fasten von Seiten der Bischöfe und Geistlichen brachte manche Rabbinen auf die Idee, dieselbe gleich den Fischen ungeschlachtet essen zu dürfen. Der weltlich geweckte R. Jakob Tam scheint der Glaubwürdigkeit der allgemeinherrschenden Meinung keinrechtes Vertrauen geschenkt zu haben und widersetzte sich der sonderbaren Zumuthung, diese Vögel ungeschlachtet essen. zu dürfen. R. Jehuda der Fromme und dessen Vater gestatteten daher den Genuß der Bernickel-Gans, wenn dieselbe wie die andern erlaubten Vogelgattungen ritualmäßig geschlachtet werde. עופות הגדלים באילן יש אומרים שאין טעונים שחיטה לפי שאין פרין ורסן והוי יען בעלמא. ואומר ר׳ יהודה ששמע מאביו שחנינו תם הצריכו שחיטה וכן אמר לי ר״י הלכה למעשה שיש לשוחטו. Der Genuß der Bernickelgans wurde also gar nicht verboten, sondern man tonnte sich darüber nicht einigen, ob dieselbe gar geschlachtet zu werden braucht. Doch wurde dieselbe in Praxi, auf Grund der Autorität des R. Jakob Tam, natürlich geschlachtet, gegessen. R. Isaak aus Corbeil, in seinem 1277 verfaßten Sefer Mizwoth katan war der erste, welcher den Genuß der Bernickel-Gans ganz und gar verbieten wollte, weil sie ihrem Ursprünge nach weder zu den Vögeln, noch zu den Fischen, sondern zu den Schalthieren gehöre. Irregeleitet von den allgemein geglaubten Berichten, daß diese Vögel in Muschelschalen mit ihren Schnäbeln an Bäumen hängen und nachdem sie die Muschelschale durchbrochen, entweder in die Gewässer fallen oder frei in die Luft fliegen, fand sich R. Isaak aus Cordeil veranlaßt, dieselben als unrein zu verbiete!:, weil sie zu den Schalthieren gerechnet werden müssen. R. Jakob b. Ascher (gest. 1340) und dessen Commentator und Nachfolger N. Josef Karo, Jore Dea Ab.

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