Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 2 · p. Seite 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 2
Article
Die Bernickel-Gans
Date
1869-01-01
Page
Seite 91 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2829132-2829374-2829377-2864113--11853-2864177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Bernickel-GanH. Ein mittelalteplicher Mythus. 91 gleich er der sarkastischen Bemerkung des Aeneas Sylvins Erwähnung Lhut, daß nämlich die Wunder immer in fernere Gegenden wegsliegen, so tauchen doch nicht die geringsten Bedenken gegen die wirkliche Existenz des Vogel gebärenden Baumes, die von Saxo Grammaticus verbürgt sei, Ln ihm auf. Hector Boece, der 1527 eine Geschichte Schottlands schrieb, welcher eine Cosmographie und Beschreibung Alboins vorangeht, hat einen besondern Abschnitt über die Natur der Baumgänse und von den verschiedenen Arten ihrer Erzeugung, worin die Behauptung aufgestellt wird, daß sie durch die Natur der Meere erzeugt werden. Giraldus Cambrensis in der Zeit Heinrich II. (1154 — 1189) findet es für nöthig gegen den damals herrschenden Gebrauch zu protestiren, diese Bernickel-Gänse während der Fasten zu essen, weil dieselben keine Vögel, sondern Fische seien. In seiner Topographie Hiberniae sagt er unter anderem: ״deßhalb pflegen auch in einigen Theilen Irlands die Bischöfe und Geistlichen diese Vögel, (welche weder Eier legen, noch ausbrüten), wie wenn sie, als nicht vom Fleische geboren, kein Fleisch wären, zu genießen. Aber diese werden genau genommen, zu einem Fehltritt verführt re." — ״Wie lange diese Fabel, sagt Max Müller am Schlüsse seiner gelehrten und interessanten von uns nur auszüglich mitgetheilten Citate, schon vor Giraldus existirt hat, weiß ich nicht anzugeben; aber man darf nicht annehmen, daß sie während der 5 Jahrhunderte, durch welche wir ihr Auftreten verfolgt haben, niemals angefochten worden sei. Schon Alberto Magnus (gest. 1280) bestritt sie, indem er erklärt, daß er diese Vögel Eier legen und sie ausbrüten sah. Auch Roger Bacon (gest. 1294) erhob Widerspruch. Aeneas Sylvius (später Papst Pius II. 1458 — 64) erkundigte sich bei einem Besuche bei dem König Jakob nach dem Baume, und er beklagt sich, daß die Wunder immer zurückweichen; denn als er nach Schottland kam, um den Baum zu sehen, sagte man ihm, daß er weiter gen Norden auf den Orchaden wachse. Dessen ungeachtet tauchte die Geschichte immer wieder auf, mnd die Vögel wurden von den Priestern während der Fastellze.it ohne Gewiffensscrupel gegessen u. s. w. Ja, der Umstand, daß diese Fabel von der Baum- und Muschelgans einen Entschuldigungsgrund für den Genuß dieses in Frage gestellten Vogelfleisches während der Fastenzeit darbot, unterstützte ohne Zweifel den gemeinen Volksglauben und gab ihm gewissermaßen eine heilige Einkleidung. Denn nicht nur irische Bischöfe nahmen sich heraus, diese Vögel während der Fastenzeit zu essen, sondern wir erfahren aus späterer: Quellen, daß diese von irischen Priestern gemachte Entdeckung in Frankreich ausgenommen wurde."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.