Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1869-01-01 · Heft 2 · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
18 (1869)
Issue
Heft 2
Article
Zum Jubiläum der Cultusreform
Date
1869-01-01
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829374-2829377-2864112--11843-2864169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erster Artikel. Reform und Reformschwindel. 83 großes Wort! Heißt das nicht — wenn ich anders recht verstehe — eine Reform zur Religion, die Erhebung des Volkes von einer niedrigeren Stufe ihrer Erkenntniß zu einer höheren, non einer schlaffen und lauen Art ihrer Bethätigung zu einer lebendigen, warmen? Und kann eine solche Reform der Religion zu einer höheren Art non Religion anders entstehen, als aus Religion? Nur wo in dem Herzen eines Menschen ein lebhaft tes, innig religiöses Bedürfniß waltet, ist Etwas wie ein Antrieb zur Reformation der Religion denkbar, wenn sie in ihrer bisherigen Form jenem Bedürfnisse nicht mehr entspricht. Nicht das Erlöschen des religiösen Bedürfnisses, nicht die Abwendüng von der Religion, nicht Ungläubigkeit und Unfrömmigkeit bezeichnen den Gemüthszustand, aus welchem eine religiöse Reformation hervorgehen kann, sondern vielmehr die höchste religiöse Energie, die lebhafteste religiöse Inbrunst, die innigste Frömmigfeit, der feste Glaube an die eigene religiöse Mission — das waren von jeher die untrüglichen Merkmale der religiösen Reformatoren. Sie finden keine andern Merkmale an den Paulus und Barnabas, keine anderen an den Huß und Luther, an den Penn und Parker. Man konnte und kann, je nachdem man ein anders geartetes religiöses Bedürfniß in sich trägt, das Werk dieser Männer seinem Inhalte nach bekämpfen und ihm den Namen einer religiösen Reformation absprechen; aber insoweit es allein auf ihre Absicht ankommt, verdienen sie den Namen religiöser Reformatoren, den ihnen die Geschichte beilegt, mit Recht, so gut wie man die Stifter von Religionen unbedenklich so bezeichnet, wenn man auch die Wahrheit dieser Religionen bestreitet. Niemand wird die Voltaire, Diderot, de la Mettrie religiöse Reformatoren nennen. Denn es fehlte ihnen Alles, was diesen Begriff constituirt: Absicht und Ziel ihres Strebens lagen außerhalb der Grenzen eines religiösen Gemüthes, sie waren Bekämpf er der Religion, nicht religiöse Reformatoren. Dahingegen führten die vorhin Genannten diesen TM mit Recht. Sie erwiesen sich — man mag über den Werth ihrer religiösen Arbeit benken, wie man will — sie erwiesen sich dahei immerhin als von einem religiösen Bedürfniß bestimmt, als von .einer religiösen Macht getrieben, sie glaubten an ihre!religiöse Mission und folgten ihrem unwiderstehlichen Drange. Muß man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.