Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 17 (1868)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Voltaire und die Juden
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
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Voltaire und die Juden. 205 Die Gemeinde Bordeaux war, wie schon angedeutefc, aus flüchtigen Marranen zusammengewachsen, welche grösstentheils aus Portugal dahin entkommen waren, nachdem die Inquisition auch in diesem Lande ihre fluchwürdige Thätigkeit entfaltet hatte. Sie erhielten unter dem Namen Portugiesen oderN euchris ten (Nouveaux Chreliens) die Erlaubniss, sich in Bordeaux und Bayonne aufzuhalten und jedes Geschäft zu betreiben. Da sie meistens grosse Kapitalien dahin gebracht hatten, so hatten sie den Wohlstand der Stadt gehoben und waren bei Beamten und Bürgern beliebt. In den zwei Jahrhunderten von der Zeit, als Heinrich II. ihnen das erste Toleranzpatent gab (1550), bis zur zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die portugiesischen Juden von Bordeaux auf hundert Familien gewachsen und genossen wegen ihres Wohlstandes, ihres anständigen Wesens und ihrer Wohlthätigkeit allgemeine Achtung. Ihre Vorsteher (Synclics) übten Polizeigewalt über die Gemeindeglieder und hatten überhaupt eine sehr bedeutende Machtbefugniss. Im Anfang des achtzehnten Jahrhundert, in der Regierungszeit Ludwigs XV., hatten sich auch einige jüdische Familien aus Avignon und Eisass in Bordeaux niedergelassen, von denen einige durch Tuch- und Seidenfabrikatiou, andere durch Bankinstitute, andere wieder durch Weinliandel für auswärtige Juden (w Casser) der Stadt nützlich geworden waren. Da erwachte der den portugiesischen Juden eigene Racenstolz; es kränkte sie, dass auch andere Juden gleiche Rechte mit ihnen gemessen sollten. Ihre eingebildete Ueberlegenheit über die Juden der deutschen Zunge fühlte sich dadurch verletzt, und diese Stimmung unterdrückte in ihnen das Gefühl der Brüderlichkeit. Sie ruhten nicht eher, bis die etwa sechszehn Familien avignonesischen, deutschen und tudeskischen Ursprungs aus Bordeaux ausgewiesen wurden (1734). Es war eine um so herzlosere Härte, als die Ausgewiesenen in anderen Theilen Frankreichs noch weniger auf ein Unterkommen rechnen konnten. Indessen hatten zwei derselben Namens Dalpüget so viel Gewicht bei den Behörden und waren bei der christlichen Bevölkerung so