Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 17 (1868)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Voltaire und die Juden
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Voltaire und die Juden. ״Sie sind das letzte der Völker unter Muselmännern und Christen, und sie glauben das erste zu sein. Dieser Stolz in ihrer Erniedrigung wird durch einen allerdings unwiderlegbaren Grund gerechtfertigt, dass sie in der That die Väter der Christen und Muselmänner sind. Die christliche und muselmännische Religionen erkennen die jüdische als ihre Mutter an, und durch einen sonderbaren Widerspruch empfinden sie für diese Mutter zugleich Hochachtung und Entsetzen.“ — Darauf geht Voltaire die ganze Geschichte der Israeliten durch und amüsirt sich, gemeine Spässe hineinzubringen. Er war in seinem Rechte, diese von der christlichen Theologie noch mehr mit Wundern ausgestattete Geschichte der vorchristlichen Zeit ihrer Wunder zu entkleiden; aber dann hätte er die Kernigkeit und die Energie des jüdischen Volkes, welches sich trotz seiner Winzigkeit in einer Welt voll Feinden behauptet hat, um so mehr bewundern müssen. Allein ihm lag Alles daran, dessen Verächtlichkeit, Winzigkeit und Verdorbenheit hervorzukehren. Vom Aufenthalte der Judäer in Babylonien sagte er: ״Es scheint, dass die Juden wenig von den Magiern gelernt haben: sie ergaben sich dem Geschäfte der Mäkler, Wechsler und Trödler, dadurch machten sie sich nothwendig, wie sie es noch jetzt machen, und bereicherten sich.“ — Von Herodes5 Tempelbau, der bekanntlich von Seiten der national gesinnten Juden auf Antipathie stiess, sagte er: ״Herodes konnte diesen Tempel nicht vollenden, weil ihm Geld und Handwerker fehlten, ein Beweis, dass Herodes doch nicht so reich war, und dass die Juden, welche ihr Heiligthum sehr liebten, ihr baares Geld noch mehr liebten.“ — Fühllos und brutal erzählte er den Ausgang des Heldenkampfes der Juden gegen die Römer unter Vespasian und Titus und zeigte eine eigene Schadenfreude daran, dass ״Juden bei diesem Kriege um den Preis des unreinen Thieres verkauft wurden, das sie nicht essen dürfen“. Je mehr die Geschichte der Juden sich der neueren Zeit nähert, desto mehr verunglimpfte er sie. Wodurch haben sich die Juden׳ im Exile innerhalb der römischen Sittenfäulniss, der-‘ "Völkerwanderung der barbarischen