Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1868-01-01 · Heft 5 · p. Seite 163

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
17 (1868)
Issue
Heft 5
Article
Voltaire und die Juden
Date
1868-01-01
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829360-2829366-2863548--11264-2863582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Voltaire und die Juden. 163 geschäffce mit einem portugiesischen Juden, den er einmal Medina und das andere Mal Acosta nennt. Nach Voltaire’s Erklärung habe er bei diesem jüdischen Banquier auf einen Wechsel von 20,000 Frank den grössten ,Fheil dieser Summe verloren, weil der Acceptant Banqueroub gemacht habe. Er wäre gar nicht so sehr auf den Banqueroteur böse gewesen, nachdem dieser ihm erklärt habe: dass es nicht seine Schuld sei, dass er vielmehr unglücklich wäre, dass er niemals ein Sohn Belials gewesen, dass er vielmehr immer getrachtet habe, als Sohn Gottes, d. h. als ehrlicher Mann, als guter Israelit zu leben, ״Er rührte mich", so fährt Voltaire in der Erzählung fort, ״ich umarmte ihn, wir lobten Gott zusammen und ich verlor achtzig Procent". — In dieser epischen Ruhe erkennt man noch den Schmerz, den der am Gold hängende Dichter über den Verlust empfunden haben muss. Ob Alles so gemüthlich zugegangen ist, wie er es darstellte, und überhaupt ob er an einen Juden auf die angegebene Weise Geld eingebüsst hat, darf man Voltaire nicht aufs Wort glauben. Die Wahrheit war nie seine inspirirende Muse gewesen. Er blieb stets ein Jesuiten- Zögling. Voltaire’s Verlegenheit und niedrige Gesinnung traten ganz besonders bei seinem Processe mit dem Berliner Juden Abraham Hirsch oder Hirschei an'8 Licht, der damals eine cause celebre war, ihm die Ungnade des Königs zugezogen und ihn mit galliger Verbissenheit gegen die Juden im Allgemeinen erfüllt hat. Das Kammergerieht hat zwar aus Schwäche und Rüeksichtsnahme auf Vültaire’s Berühmtheit den jüdischen Gegner scheinbar verurtheilt; aber die öffentliche Meinung und der König haben den Stab über Voltaire gebrochen; daher war seine Erbitterung nur noch gesteigerter. Wiewohl dieser Process im Allgemeinen bekannt ist, so ist er doch nicht in seiner Entstehung, seinem Verlaufe und seinen Folgen so klar auseinandergesetzt worden, dass daraus die ganze Verworfenheit Voltaire’s kenntlich wäre. Selten ist ein Dichter so glanzvoll empfangen worden, wie Voltaire am Hofe Friedrichs des Grossen. Der 13*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.