Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 17 (1868)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Voltaire und die Juden
- Date
- 1868-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 Voltaire und die Juden. Ist es nicht eine beachtenswerthe Erscheinung, dass Voltaire, dieser Apostel der Humanität und der Toleranz, der zuerst seine gewaltige Stimme gegen die Vorurtheile in jeder Gestalt erhoben hat, dass gerade er die gröbsten Vorurtheile gegen die Juden hegte, sie verbreitete und, wenn es auf ihn angekommen wäre, eine Razzia gegen sie aufgestachelt hätte! Dieses physiologische Räthsel löst ein Blick in seinen inneren Charakter. Friedrich der Grosse, der ihn mit Ehren und Aufmerksamkeiten aufgenommen und ihn dann mit Schimpf fortgejagt hat, kannte diesen Apostel der Humanität recht gut, als er von ihm und zu ihm sagte: Jede seiner Schriften verdiente ein Denkmal, und jede seiner Handlungen ein Brandmal. Gewiss, die Natur hat wenige Erscheinungen in die Welt gesetzt wie Voltaire, in dem zwischen Gesinnung und Phrase eine so tiefe Kluft lag. Wenn der Witz gerade da herausgefordert wird, wo das Erhabene niedrig erscheint, oder die Kleinlichkeit sich grossartig geberdet, so bot gewiss keiner mehr als Voltaire Gelegenheit für die bissigste Satyre und den kaustischen Witz. Sein schmutziger Geiz, sein kleinlicher Charakter, seine kindische Verbissenheit standen in einem grellen Gegensätze zum Pomp seiner philosophisch aufgebauschten Redensarten. Bei all’ seiner Klugheit und Verschmitztheit verstand er doch nicht, die Blosse seiner Charakterlosigkeit zu verhüllen, oder vielmehr seine Eitelkeit hielt es nicht für nöthig, sie zu verhüllen. Er glaubte eine exceptionelle Stellung einzunehmen und sich über die hausbackene Moral hinwegsetzen zu dürfen. So viel man weiss, kam Voltaire zwei Mal in Conflict mit Juden und zwar mit Geldjuden, und weil er, wie er behauptete, von ihnen beschwindelt wurde oder, wie es sich wenigstens einmal herausstellte, weil er einen Solchen beschwindelt hat, ergoss sich seine Galle gegen die Gesammtjudenheit, gegen die Juden der Gegenwart und Vergangenheit, begeiferte er auch das jüdische Alterthum mit cynischer Rohheit, Als er wegen eines Streites mit einem Seigneur aus Paris verbannt worden war und in London lebte, machte er, obwohl noch jung (1726—1729־) Geld-