Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 14)
- Language
- German
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138 Ein Blick auf die Juden in Galizien. Man pflegt im Auslande gerade gegen diese letztere Classe der polnischen Juden, die im Gegensätze zu ihrer Vergangenheit plötzlich ganz clestructiv auftreten und in Schriften eine extreme Richtung vertreten und religionswidrige Gedanken und Theorien aufstellen, einen starken Unwillen zu äussern. Dieser Unwille würde sich in Mitleid umwandeln, wenn man die oben auseinandergesetzten Verhältnisse, die eine solche extreme Richtung veranlassen, in Betracht zöge. Denken heisst ja dort, sich in Wider־ Spruch mit allem Bestehenden, streng Aufrechterhaltenen, mit aller Vergangenheit setzen. Wer dort denkt, hat bis zum Zweifeln und Leugnen nur einen Schritt. Und was heisst dort nicht Alles denken und ״philosophiren“ und was *veranlasst dort nicht Alles dazu? Sind nicht hebräische Grammatik, lateinische Vocabeln und gar Geographie der Religion höchst gefährliche Dinge? Derjenige, der nun diese Dinge heimlich und ״mit heissem Bemühen“ studirt, der thut es mit dem sichern Bewusstsein, dass er sich damit auf einen höchst gefahrvollen Weg begeben, dass er da Ungeheueres, Unerhörtes zu erwarten habe; findet er auch in diesen Vocabeln äugenblicldich nichts Gefährliches, nun, so denkt er sich es hinzu, so sucht er es emsig auf, es muss doch irgendwo stecken — und er wird's auch sicherlich finden. Lasst ihn nur erst ein Häufchen von lateinischen und griechischen Brocken aufgespeichert, ein Sümmchen von Vocabeln zusammengebracht haben, und er wird sich schon an die schwierigsten, weitgreifendsten Themata heranwagen, und er wird eifrig in den Büchern nach ״Aufklärung“ spähen und mit gieriger Lust das Gift — und wer da sucht, der findet auch solches — aus allen Philosophieen aufsaugen, und vor seiner eigenen und vor der fremden Kühnheit, vor dem Heuen, Ungewohnten steht er berauscht — und damit auch umgewandelt da. Ist ja dem Armen zu Sinn, als wäre er bis jetzt mit Blindheit geschlagen gewesen, als ginge ihm erst jetzt das Tageslicht auf; er ist an das helle Sonnenlicht nicht gewöhnt — und er wird geblendet. Und Ihr wollet ihm nun predigen, die goldene Mittelstrasse , aufsuchen?-— Saget dem aus dem GefängnisseEntrinnenden,