Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 13)
- Language
- German
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137 Ein Bück auf die Juden in Galizien. Ist ihm ja stets gelehrt worden, dass weltliche Bildung, chederfeindliche Gesinnung, eine Aenderung der Kleidung und der Sprache einem Aufgeben der Religion, des Judenthums gleichkomme. Diese Identitätslehre führt er nun in praxi durch5 er kennt es ja nicht anders. Von der Möglichkeit eines vermittelnden Dritten hat er nie gehört, ja eine solche wird ihm geradezu benommen. Denn wollte er auch sich selber, trotz der äussern Civilisation, als auf dem Boden des Judenthums feststehend betrachten, er wird doch schnell eines andern belehrt, wird in diesem Glauben wankend gemacht, denn er wird doch von der Umgebung als aus dem Judenthum fast ausgeschlossen angesehen, und willig oder widerwillig muss er schliesslich daran glauben. Doch selbst zu 801ehern Experimentiren kommt es nur selten, derUebergang geht viel schneller vor sich; mit der Beseitigung jener äussern Schranken tritt gewöhnlich auch schon eine völlige Schrankenlosigkeit ein, als wollte man sich für die frühere Knechtung entschädigen oder rächen. Je nach der individuellen Natur des Einzelnen conspirirt mit der Zeit der Geist gegen die vernachlässigte Materie oder umgekehrt. Der Eine wird ein vollendeter Materialist, nämlich ein praktischer, der, ohne irgendwelchen Innern Process durchgemacht zu haben, einfach mit der unbequemen Vergangenheit bricht, dessen Bildung und Civilisation darin besteht, dass er sein praktisches Leben von jeglichem Zwang der Religion befreit, und der sich für ungeheuer ״aufgeklärt“ hält, wenn er den Mnth hat, alle religiösen Gebote mit grossem Eclat zu verletzen. Der Andere hingegen wird ein philosophischer, natürlich unpraktischer Grübler, erst skeptisch, dann vollständig negirend, der seine Aufklärung darein setzt, mit Allem, ohne jede Berücksichtigung der praktischen Verhältnisse, wenn auch nur in der Theorie tabula rasa zu machen; er macht dasselbe in der Gedankenwelt durch, was der Erste nur etwas schneller und ohne von ״des Gedenkers Blässe angekränkelt“ zu werden im realen Leben durchführt. Dieser theoretische Leugner flösst uns vielleicht mehr Respect, aber nicht weniger Bedauern ein.