Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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436 ׳;-׳,ל/ -, Ein Blick auf die Juden in Galizien! Dazu muss auch das Chederwesen gerechnet werden. — Es ist eine eigentümlich traurige, aber der Logik der Thatsachen vollständig entsprechende Erscheinung, dass gerade die, durch die staatliche und sociale Zurücksetzung hervorgerufenen Eigentümlichkeiten, die von den Juden dort im Namen der Religion eifersüchtig bewacht werden und die angeblich zu Bollwerken der Religion dienen sollen, in derThat zu gefährlichen Mauerbrechern und Sturmböcken für die Religion werden. Denn alle diese innern Abschliessungen haben zur Folge, dass die unbedeutendste Concession, die die polnischen Juden der (Zivilisation machen, dass die kleinste in den Augen Unbefangener durchaus harmlose, ja auch nur in der äussern Erscheinung entstehende Aenderung oft eine ganzliehe Erschütterung aller Traditionen, aller in der Jugend empfangenen Eindrücke, ja aller Religiosität nach sich zieht. In keinem Lande wohl wechseln die Gegensätze so schnell ab, reichen sich die Extreme so leicht die Hände als gerade in Polen. Und dies ist eine ganz natürliche, aus den geschilderten Zuständen mit Nothwendigkeit hervorgehende Erscheinung. Von dem Cheder ist bereits gezeigt worden, wie wenig Fundamentales es für die Religion und für das Leben bietet, wie wenig der Schüler, gerade weil man ihn von der Aussenweit gänzlich absperrt, gegen das Verderbliche dieser Aussenwelt gewappnet und gefeit wird. In der engen Zelle von der äussern Luft gleichsam hermetisch abgeschlossen, wird er gegen jeden von aussen kommen״ den Luftzug äusserst empfindlich. Es bleibt nicht aus, dass er sich einmal in dem Cheder beengt fühlt und in einer andern Atmosphäre athmen will, und da dringt die äussere, ungewohnte Luft ihm durch Mark und Bein, wirkt zersetzend, und zerstörend und nun ist er in das verderbliche Extrem hineingerathen. Und daher kommt es, dass dort oft mit dem Verlassen des Ghetto’s auch ein Verlassen des eigentlichen Judenthums, mit dem Wechsel des Rockes ein Wechsel des Innern, mit der Umgestaltung der Sprache eine radicale Umgestaltung des religiösen Denkens und Handelns Hand in Hand geht.!!