Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Ein Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 7)
- Language
- German
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Ein Blick auf die Juden in Galizien. 131 ihrem eigenen Wesen und am wenigsten mit ihrer Religion etwas zu thun haben, und schreiben ihnen nationale, das ist bei dem Juden: religiöse Bedeutung bei. Wie sie sich nämlich im Talmud oder vielmehr im Glieder für die staatliche Vernachlässigung in der Culturbeziehung ein Aequivalent zu schaffen suchen, so fühlen sie sich hier gedrungen, zu der eigenen Abschliessung, zu zwei im socialen Verkehr hervorragendsten und sichtbarsten Mo־ menten, nämlich der Sprache und Tracht in ihrer besondern Form, als zu einem Correctiv für die sociale Ausschliessung, Zuflucht zu nehmen. Die die polnischen Juden im Aeusseren schon von der andern Bevölkerung unterscheidende Nationaltracht und der an die Zeit des Thurmbaues zu Babel lebhaft erinnernde Sprachenwirrwar, ״Jüdisch" genannt, die doch beide bekanntlich mit der Religion nichts zu schaffen haben, werden dennoch von ihnen zu rein religiösen Unterscheidungszeichen, zu speciell den Juden charakterisirenden Momenten willkürlich gestempelt, an die sie sich mit aller Kraft anklammern, als würde mit diesen Eigenthümlichkeiten das eigentliche jüdische Wesen, ihre Nationalität, ihre Religion zu Grunde gehen. Mag Jemand unter ihnen sein Inneres noch so sehr gewechselt haben, so nur Rock und Sprache an ihm unverändert gebliehen — er ist Einer der Ihrigen. Wer aber den langen Rock abgelegt, der hat aufgehört Jude xat3 i^ox^v zu sein, der heisst durchaus nicht mehr ״der Jude", sondern ״der Deutsche", und wer gar in der Unterhaltung sich einer andern Sprache als des Jargons bedient, der spricht nun ״nicht jüdisch" (״goisch"). Ja, selbst das Ursprunglieh aufgezwungene Ghetto wird ihnen ein nothwendiges, specifisch jüdisch; ausserhalb demselben hört der Jude auf, müsse er aufhören. Sie würden sich Demjenigen nicht zu grosser Dankbarkeit verpflichtet fühlen, der sie aus dem Ghetto befreien wollte. Hier schliessen sie sich fest ein, hier finden sie sich behaglich, denn hier ist ihre Stadt, ihr Staat mit seinen eigenen, eigenthümliehen Einrichtungen: eigene Tracht, eigene Sprache, eigene Bildung und eigene Sitten; hier arbeiten sie immer