Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eon Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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Ein Blick auf die Jaden in Galizien. 91 . Erziehung drohen 5 sind durch das Chederwesen in Galizien in der traurigsten Weise verwirklicht worden. Von Erziehung im wirklichen Sinne des Wortes, von der nothwendigen Vorbereitung der Schule für das Leben, für das religiöse sowohl wie für das praktische, ist bei dem Cheder keine Spur zu bemerken. Keine der Fassungsgabe des Schülers sich anpassende Lehrweise, keine schonende Berücksichtigung der individuellen Natur des Zöglings. Nichts von belebendem und erfrischendem Geiste, nichts von gemüthsvollen, dem jugendlichen Herzen so leicht zugänglichen Lehren, nichts von einer Hinweisung auf den edlen Kern des Gelehrten, auf den letzten hohen Zweck des Talmud’s, nichts von dem, was sich der Schüler für das Leben, was er sich zum Begleiter für die Zukunft mitnehmen könnte. Nichts als Anfüllung des Kopfes mit Nüchternem und Poesielosem. Wahrlich, hätte der Knabe nicht im Hause das gemüthreiche, noch immer mustergültige, innige Familienleben vor Augen, er erführe im Cheder kaum, dass er auch ein Herz habe. Was da gelehrt wird, es wird nur aufgeschichtei, aber nicht eingepflanzt, es wird aufgeführt auf fundamentlosem Boden und stürzt oft zusammen bei der leisen Berührung des schwachen Windhauchs von der Aussenwelt. Aber auch der Talmud selber gewinnt sehr wenig von dem Cheder. Es kann durch Erfahrung nachgewiesen werden, dass, wer nicht mit besondern Fähigkeiten begabt und wer namentlich nicht mit besonderer Liebe zu dem Talmud erfüllt ist, die durch Privat- und häusliches Studium theils verstärkt, theils befriedigt wird, von dem Chederstudium selber, trotzdem dasselbe den bei weitem grössten Theil des Tages in Anspruch nimmt, nur äusserst wenig und am allerwenigsten Liebe zum Talmudstudium erlangt. Wahrlich, nicht Alle, die in dieser eigentümlichen Lehr־ anstalt vor dem aufgeschlagenen Buche sitzen, erfüllt der Ernst des Buches, der Ernst der Aufgabe; nicht Alle, die ihre Kinder in das Cheder schicken, thun es ״um der Sache willen“; da gibt es bei Manchem der Nebenzwecke genug für das ״Chedergehen“. Denn geschieht es auch nicht, um die Lehre, im eigentlichen Sinne, ״zum Spaten