Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eon Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
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90 Ein Blick auf die Juden in Galizien. ■ist! Aber wir dürfen deshalb doch nicht übersehen, dass zum vollen Verständniss und zur wahren Würdigung dieses Buches, weil es eben so Hohes und Grosses in sich birgt, eine gewisse Reife erforderlich ist, dass das Studium desselben, so gut wie andere Disciplinen, eine Stufenmässigkeit und einen methodischen Gang erheischt, dass diesem Studium vor Allem eine nicht geringe Vorbildung in den heiligen Schriften, den Fundamenten des Talmuds, vorangehen muss. Wenigstens wollen die alten Lehrer selber ein solches Verfahren für die religiöse Erziehung, indem sie die verschiedenen Lehrobjecte den verschiedenen Altersstufen zuertheilen, und beispielsweise den Beginn des Bibelvon dem des Mischna- und diesen wieder von dem des eigentlichen Talmund-Studiums durch je einen Zeitraum von fünf Jahren getrennt wissen wollen. Sie gingen eben von der Ueberzeugung aus, dass eine so eigenartige Ideenwelt, wie sie sich im Talmud aufgebaut, demjenigen, der nicht mit den nötbigen Grundkenntnissen ausgerüstet ist, überhaupt dem Unerfahrenen, Unreifen nicht zugänglich gemacht werden dürfe, ihm schädlich werden könne. Um sich auf dem Kampfplatze jener heissen Dialektik gefahrlos bewegen zu können, muss man schon mit einer nicht geringen Reife des Geistes, vor Allem mit einer Sicherheit des logischen Denkens gewaffnet sein. Der allzu zarte Geist, der noch ungeübte Verstand, zumal wenn jedwede Lebenskenntniss fehlt, läuft leicht Gefahr, durch jene eigene Denkweise, die ihr Gebiet so weit wie möglich ausdehnt und die, in’s Subtilste gehend, sich ihre Schranken so weit als möglich steckt, zu einer Schrankenlosigkeit und Wilikürlichkeit des Denkens veranlasst zu werden, die nicht allein eine richtige Schätzung und ein wahres Verständniss des Talmud selber verhindert, sondern auch, indem sie sich in's Leben überträgt, gar leicht für die praktische Thätigkeit durchaus untauglich macht. Solches aber wollten die Rabbinen nimmermehr. ״Wo keine Lebenskenntniss, heisst es ja, wo keine Kenntniss der ״Landessitte“, da auch keine Lehre.“ Solche Gefahren, die einer verkehrten religiösen