Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eon Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
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88 - Ein Blick auf die Juden in Galizien. ja vor Allem mit staatlichem Zwange, der Niemanden ohne Ausnahme der Schulpflicht entbindet (der Schulzwang hat sich überall, wo er besteht, vortrefflich bewährt), Schulen, die auf die allerersten Elementarkenntnisse ihre besondere Sorgfalt richten und die, insoweit sie namentlich für die dortigen Juden bestimmt sind, die besondere Eigentümlichkeit, die individuelle Natur der ihnen anvertrauten Schüler respectiren müssen. Aber von dem Stande und der Zahl der Schulen, zumal der den Juden zugänglichen Elementarschulen in Galizien gibt die Statistik ein jammervolles Bild. Aus dieser offenbaren Vernachlässigung resultirt mit trauriger Notwendigkeit jener grelle Widerspruch von Natur und Cultur, jenes auffällige Missverhältniss zwischen der Bildungsfähigkeit und dem wirklichen Bildungsstände, resnltiren alle jene Missstände in der Erziehung dieses Volkes, jenes berüchtigte Schulwesen, oder besser Schulunwesen in der abschreckendsten Form — des Ched ers. Da nämlich die Neigung zum Denken, zum ״Lernen“ ein unüberwindliches Stück Natur des Juden im Allgemeinen, wie nicht minder des galizischen Juden ausmacht, so greift dieser in Ermangelung anderer leicht erreichbarer und diese Neigung befriedigender Objecte einzig und allein zu einer Materie, die seinem Ideenkreise am nächsten, seiner Natur und seinen Anlagen am meisten zusagend und verwandt ist; er wählt sich und seinen Kindern zum Gegenstände des Forschens ein Bach, das den Verstand, das Denken in spannendster Weise beschäftigt und gleichsam fortwährend in Athem hält, wählt sich zum ausschliesslichen Studium Dasjenige, worauf ihn zunächst die Religion und seine Vergangenheit hinweisen und wobei er obendrein der staatlichen Hülfe entrathen kann, nämlich — den Talmud! Doch wie, höre ich hie und da mit einiger Verwunderung fragen, sollte auch das ein Missstand sein? Dürfte auch dies eine üble Folge übler Ursachen genannt werden, auch dies einen Grund zum Bedauern oder zum Tadel abgeben? Besitzt nicht gerade der Talmud jene veredelnde und