Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die jüdische Religionsphilosophie über die Anthropomorphismen der Bibel
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 ' Die jüdische׳ Eerigionsphilcfsophie jede Weise zu befehdenden Rabbanismus. Hatte An an doch sogar die Sendung Mohammed’s anerkannt! Und auf diese Weise pflanzten auch die ersten Karäer aus dem Schosse des Islam, darin, namentlich bei einem grossen Theile seiner Secten, ein Anthropomorsphismus sondergleichen zu Hause war, einen überaus finstern Irrwahn auf den Boden des Judenthums hinüber — den Wahn von der ,Menschenähnlichheit" Gottes, einen Irrwahn, der eine eigene Schrift erzeugt hatte, die als das grauenhafteste Denkmal dessen gilt, bis zu welcher Höhe des Aberwitzes der menschliche Geist sich zu verirren im Stande ist, nämlich die mit dem Ausmass der Gliedmassen Gottes sich beschäftigende Schrift Schiur Koma. Noch Scharastani2) berichtet uns: ״DieKabbaniten entsprechen den M u - tazila (der rationalistischen Richtung) bei uns, und die Karäer den Musch abbiha." Letztere nämlich behaupteten die ״Verähnlichung" (Gottes mit dem Menschen) und schrieben Gott nicht nur menschliche Eigenschaften, sondern auch eine menschliehe Gestalt zu. Ja, wir behaupten, dass die pseudographische Schrift Schiur Koma ein karäisches Schriftdenkmal ist aus der Epoche des ersten Karäerthums. Doch wie wäre dies möglich? Dieselbe Schrift, welche ein hervorragender Wortführer der Karäer, der Polemiker Salmon b. Jerucham, gerade den Eabbaniten als Schandmal anrechnet, *sie sollte aus einer karäischen Feder geflossen sein? Nun wohl! So wie die von Karäern importirte Seelenwanderungslehre zuletzt ein kabbalistisches Dogma geworden ist, um das sich selbst Männer wie Nachmani, Abravanel und sogar Chasdai' Kreskas schaarten; oder wie die karäische Lehre von der Vergeltung der Thiere später sogar einen Saadia als Anhänger erhielt, so wurde auch die eher heidnische als jüdische Schrift Schiur Koma unter rabbinische Autorschaft gestellt und Rabbi Ismael damit in Verbindung gebracht. Unkritisch wie das Mittelalter war, war damals eben Alles möglich. Allein es gibt Thatsachen, Erinnerungen und Ueberlieferungen, die sich doch niemals ganz aus dem Gedächtuiss der Nachwelt löschen lassen. Und so scheint *) Th, I. S. 249.