Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 16 (1867)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Blick auf die Juden in Galizien
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
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J ׳ Ein Blick.äuf die Jaden in Galizien. 45 Körper? Wo beispielsweise ein armer Müller gegen seinen König kein Recht findet, da gibt es keine Richter; und wo eine grosse ganze Menschenklasse fast rechtlos dasteht, materiell und geistig vernachlässigt wird zum unbestreitbaren Schaden des Staates selbst, da sollte sich nicht der Schluss von selber ergeben: Es müsse mit diesem Staatsorganismus nicht sonderlich gut bestellt sein? Wir wollen uns darum diese Menschenklasse genauer ansehen, ihre Fehler und die Quelle, aus der sie entspringen, und den verborgenen Schatz ihrer Vorzüge aufzuzeigen suchen. Mit dem Verhältniss der Juden in Polen und namentlieh in Galizien zu ihren auswärtigen Glaubensgenossen hat es ein eigenthümliches Bewandtniss. Entweder man kennt sie (die polnischen Juden) gar nicht, oder man verkennt sie. Entweder man hält es gar nicht der Mühe werth, von ihnen Kenntniss zu nehmen, oder man streift nur an die Oberfläche ihres Wesens und ihrer Eigenthümlichkeit und beurtheilt von ihr aus das ganze Wesen, und so ist eine Verkennung unausbleiblich. Was aber die Sache noch eigentümlicher macht, das ist der Umstand, dass der Grund dieser Verkennung zumeist in dem zu Erkennenden selber liegt, dass dieser durch das Missverhältnis zwischen seinem Innern und seinem Auftreten die rechte Erforschung seines Wesens dem Fretnden in bedeutendem Grade erschwert. Der polnische Jude nämlich — und wir sprechen hier überhaupt vor Allem von demjenigen, dem noch nicht der scharfe Wind der ״Civilisationu die Eigentümlichkeit abgestreift hat — der polnische Jude überschätzt sich innerlich und lässt sich äusserlich unterschätzen, das heisst: er hält sich für mehr und gibt sich für weniger, als er ist. Dieses sich Andersgeben, dieses sich Verleugnen entspringt nicht etwa aus Heuchelei, sondern ist tief begründet in dem Innern Wesen, in der Erziehung, ja in der socialen Stellung, die der galizische Jude in seiner Heimat einnimmt. Zuerst entsteht, so seltsam dies auch klingen mag, diese äussere Selbstverkleinerung aus der innern Selbstvergrösserung. Aus dem fadenscheinigen